«Jesus Freaks» und Freidenker

Im Kanton St. Gallen gibt es über 200 verschiedene religiöse Gemeinschaften, Kirchen und spirituelle Bewegungen. Orientierung im Religionsdschungel gibt eine Bestandesaufnahme, die zugleich eine St. Galler Religionsgeschichte ist.

Daniel Klingenberg
Drucken
Teilen
Blick in die Synagoge in St. Gallen – Rabbiner Hermann Schmelzer nimmt im Buch Stellung zur Religionslandschaft im Kanton St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Blick in die Synagoge in St. Gallen – Rabbiner Hermann Schmelzer nimmt im Buch Stellung zur Religionslandschaft im Kanton St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Die Religion ist ein weites Feld, und das Basiswissen über sie sinkt mit der fortschreitenden Säkularisierung der Bevölkerung ständig. Was ist die Pfingstmission? Was soll man sich unter dem «Ritterorden vom Heiligen Grab» vorstellen? Und dem «Frauenverein Madina»? All diese Namen klingen irgendwie religiös, ohne dass man sie deswegen einordnen kann. Jenseits der Grosskirchen kreucht und fleucht es in der religiösen Landschaft.

Dafür gibt es nun eine Orientierungshilfe: Aus Anlass des Gallusjubiläums gibt eine Projektgruppe um die Religionswissenschafterin Ann-Katrin Gässlein eine Bestandesaufnahme der religiösen Gemeinschaften, Kirchen und spirituellen Bewegungen im Kanton St. Gallen heraus. «Wir machen damit lokale Religionsforschung», sagt Gässlein. Dabei entdeckte sie: «In den vorhandenen Gruppierungen spiegelt sich die Religionsgeschichte Europas.»

Porträts der Gemeinschaften

Das knapp 600seitige Buch «Mit Gallus den Religionen auf der Spur» folgt einem religionsgeschichtlichen Aufbau: Erst das Judentum, dann die christlichen Kirchen mit ihren Verästelungen, der Islam und weitere Weltreligionen, dann die neuen religiösen Bewegungen. Eine Einführung in die St. Galler Religionsgeschichte sowie einzelnen Kirchen- und Religionstypen geben einen guten allgemeinen Überblick. Hinzu kommen fünf Interviews mit Fachleuten, beispielsweise mit Rabbiner Hermann Schmelzer. Eingeordnet wird in einem Gespräch mit dem Religionssoziologen Jörg Stolz auch das zunehmend schwierige Umfeld für religiöse Gruppen. Er sagt dabei den bemerkenswerten Satz. «Eine Religion, die sich zu gut integriert, verschwindet.»

Den Kern des Buches bilden aber die Porträts der einzelnen Gemeinschaften. Dabei staunt man über die Zahl der Sondergruppen. Auf katholischer Seite sind dies Missions- und Erneuerungsbewegungen – vom «Feuerkreis Niklaus von Flüe» bis zur «Legion Mariens». Interessant ist dabei zu wissen, dass die Verantwortlichen der erzkonservativen Pius-Bruderschaft den Buchautoren das Gespräch verweigerten und keine Hand boten für die Beschreibung ihrer Gruppe.

Weites Feld der Freikirchen

Auf evangelischer Seite ist es das weite Feld der Freikirchen – nicht vom Staat als öffentlich-rechtliche religiöse Körperschaften –, das erstaunt. Hier tummeln sich neben klassischen Typen wie den Baptisten oder der Heilsarmee auch die «Jesus Freaks» oder die «Streetworkers». Auch bei den neuen religiösen Bewegungen – unter denen auch die Freidenker und die Freimaurer aufgelistet sind – reibt man sich ab und zu die Augen über Namen und Begrifflichkeiten

Keine «Sekten-Abgrenzung»

Bewusst arbeitet das in eineinhalbjähriger Arbeit entstandene Buch nicht mit einer Abgrenzung zu Sekten. «Der Begriff <Sekte> ist religionswissenschaftlich unbrauchbar», sagt Ann-Katrin Gässlein. Wenn eine Gruppierung in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert wurde – wie etwa die «Mission Kwasizabantu» in Kaltbrunn –, ist dies im Porträt erwähnt. Dabei kommt auch die Religionsgemeinschaft zu Wort.

Heute Dienstag, 18.30 Uhr, Buch-vernissage, Offene Kirche St. Gallen