Jedes Klavier ist anders

Klavierbauer ist ein seltener Beruf geworden. Der Familienbetrieb Tobehn hält das traditionelle Handwerk hoch, tüftelt aber auch an Innovationen.

Roger Berhalter
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Die Klavierbauer aus dem Heiligkreuz: Edgar Tobehn und seine Söhne Christoph (mit Bart) und Tobias von Klaviertechnik Tobehn laden am Samstag zum Tag der offenen Werkstatt und eröffnen ihr neues Ladenlokal an der Langgasse. Hanspeter Schiess (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Klavierbauer aus dem Heiligkreuz: Edgar Tobehn und seine Söhne Christoph (mit Bart) und Tobias von Klaviertechnik Tobehn laden am Samstag zum Tag der offenen Werkstatt und eröffnen ihr neues Ladenlokal an der Langgasse. Hanspeter Schiess (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Werkstatt der Tobehns ist eine eigene Welt. Während draussen auf der Langgasse der Verkehr vorbeibraust und nebenan Autopneus im Akkord gewechselt werden, tickt die Uhr in der Klavierwerkstatt langsamer. Es riecht nach Holz und Öl, an den Wänden stehen offene Klaviere zur Reparatur bereit, in den Regalen warten Tastaturen auf ihre Bearbeitung. Klavierbauen ist ein stiller, zeitintensiver Beruf. Bis ein Instrument von Grund auf saniert ist, kann ein Monat vergehen. «Mit Maschinen können wir nur sehr begrenzt arbeiten», sagt Klavierbaumeister und Konzerttechniker Edgar Tobehn. «Der grösste Teil ist Handarbeit.»

Klaviertechnik Tobehn ist ein Familienbetrieb. Edgar Tobehn (59) führt das Geschäft zusammen mit seinen zwei Söhnen. Christoph (33) ist ebenfalls Klavierbauer und Konzerttechniker, auch Tobias (26) schlägt diesen Berufsweg ein. Seit 2012 betreiben die drei ihre eigene Klavierwerkstatt. «Wir reparieren und optimieren», sagt Christoph Tobehn. Denn es ist gut möglich, dass ein Instrument besser als wie neu klingt, wenn es die Werkstatt im Heiligkreuz verlässt.

Stimmen für Starpianisten

Vor der Selbständigkeit war Edgar Tobehn 17 Jahre lang bei Musik Hug tätig, als Werkstattleiter und Konzertstimmer. Jahrelang stellte er in der St. Galler Tonhalle die Konzertflügel so ein, dass der auftretende Pianist zufrieden war. Ist der Tastendruck wie gewünscht? Ist der Klang brillant genug? Mit solchen Fragen schlägt sich Tobehn gerne herum. «Die grossen Pianisten fordern einen bis aufs Äusserste. Mit ihnen zu arbeiten, ist wohl die grösste Herausforderung.» Dafür sei ein gelungenes Konzert auch eine schöne Bestätigung. Auch heute noch stimmt Tobehn Flügel in Jazzclubs, Konzerthallen und Tonstudios der Region.

Klavierbauer ist ein sehr seltener Beruf geworden. «Die Lehrlingszahlen gehen stark zurück. Viele Betriebe bilden gar nicht mehr aus», sagt Tobehn. Alle grossen Schweizer Klavierhersteller haben ihre Produktion mittlerweile eingestellt. «Es wird aber nicht weniger Klavier gespielt», betont Tobehn. Gerade asiatische Hersteller würden immer mehr Instrumente auf den Markt bringen.

Christoph Tobehn bringt gerade ein altes Klavier auf Vordermann. Er hat die Oberfläche des Gehäuses abgeschliffen und poliert, so dass die Maserung des Holzes darunter wieder zum Vorschein kam. Er hat den Filz auf den Hämmerchen ersetzt, welche die Saiten anschlagen. Auch die Saiten hat er neu aufgezogen, und jetzt ist er dabei, das Klavier so einzustellen, dass man wieder darauf spielen kann. «Jedes Instrument ist anders, jedes ist wieder eine neue Herausforderung», sagt der 33-Jährige. Diese Vielseitigkeit liebe er an seinem Beruf. Er erlebe sie auch im Umgang mit den verschiedenen Kunden und den verschiedenen Materialien. Ein Klavierbauer muss mit Holz und Metall umgehen können, aber auch mit Kunststoff, Lack und Elfenbein. «Die meisten Teile eines Klaviers haben direkt Einfluss auf den Klang. Deshalb sollte man nur erstklassige Materialen verwenden, da darf man keine Abstriche machen», sagt Edgar Tobehn.

Der Flügel spielt wie von Geisterhand

Klavierbauen ist ein Kunsthandwerk mit Tradition, es entwickelt sich aber ständig weiter. Gerade sind laut Tobehn Systeme gefragt, die eine Art Mikroklima im Klavier aufbauen, um die Feuchtigkeit konstant zu halten. Oder Einbauten, die geräuschloses Üben auf dem Klavier ermöglichen. Die Tobehns bauen sogar Systeme ein, welche das Klavier wie von Geisterhand spielen lassen; den gewünschten Song wählt man auf dem iPad aus.

Auch an der Klaviermechanik selber tüftelt Edgar Tobehn ständig weiter. «Es gibt noch viele Funktionen, die man verbessern kann.» Er hat zum Beispiel ein Bauteil entwickelt, mit dem sich Flügel und Klaviere noch präziser stimmen lassen – es geht um Toleranzen im Hundertstel-Millimeter-Bereich.

Am Samstag laden die Tobehns zum Tag der offenen Werkstatt. Interessierte können den Klavierbauern über die Schulter schauen. Einen Stock höher sind die Ergebnisse ihrer Arbeit zu besichtigen: Der neue Ausstellungsraum wird ebenfalls am Samstag eröffnet.

Samstag, 26.11., 9–16 Uhr, Langgasse 138; www.klaviertechnik-tobehn.ch