Jedes fünfte Migrantenkind ist dick

ST.GALLEN. Die Zahl der übergewichtigen Kinder an St.Galler Schulen ist in den vergangenen Jahren nur minimal angestiegen. Grosse Unterschiede gibt es allerdings zwischen Schweizer Kindern und Kindern ausländischer Herkunft.

Marion Loher
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Über die Gründe, weshalb ausländische Kinder eher mit Übergewicht zu kämpfen haben, kann nur spekuliert werden. (Bild: ky/Christian Beutler)

Über die Gründe, weshalb ausländische Kinder eher mit Übergewicht zu kämpfen haben, kann nur spekuliert werden. (Bild: ky/Christian Beutler)

Nach all den besorgniserregenden Schlagzeilen der vergangenen Jahre über immer dicker werdende Kinder und Jugendliche ist dies eine erfreuliche Nachricht: Im Kanton St.Gallen ist der Anteil der Kinder mit Übergewicht im Vergleich zu früheren Jahren in etwa gleich geblieben. Dies ist dem aktuellen Body-Mass-Index-Monitoring zu entnehmen, das vom Kanton St.Gallen in Auftrag gegeben wurde. Die Daten stammen aus den schulärztlichen Reihenuntersuchungen im Schuljahr 2014/15. Insgesamt nahmen 3805 Kindergärtler, Fünft- und Achtklässler teil. Ausschlaggebend für die Bezeichnung «übergewichtig» war der Body-Mass-Index (BMI).

Im Bericht heisst es: 14,4 Prozent der untersuchten St.Galler Schulkinder sind übergewichtig. Im Vergleichsjahr 2010/11 waren es zwar 0,7 Prozent weniger, doch bei einem solch minimalen Unterschied in dieser Zeitspanne sprechen Experten von einer «Stabilisierung» des Wertes. Angesichts der weltweiten «Epidemie des Übergewichts» sei dies ein Erfolg, heisst es im Bericht.

Ausländische Kinder sind dicker

Trotzdem: In St.Gallen sieht man keinen Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Es gibt noch viel zu tun. Denn: «Jedes Kind mit Übergewicht ist eines zu viel», sagt die St.Galler Präventivmedizinerin Karin Faisst. Oft nähmen diese Kinder das Übergewicht mit ins Erwachsenenalter, was das Risiko von chronischen Krankheiten erhöhe. Gemäss Studie steigt der Anteil übergewichtiger Kinder, je älter sie werden. Im Kindergarten ist jeder zehnte dick, in der Oberstufe bereits jeder sechste.

Die Untersuchung zeigt auch einen Stadt-Land-Effekt: In der Stadt St.Gallen haben 17 Prozent der Kinder und Jugendlichen Übergewicht, im übrigen Kanton sind es 14 Prozent. Mit diesem Anteil liegt St.Gallen allerdings in der Grössenordnung der Städte Basel, Bern und Zürich.

Im weiteren gibt es grosse Unterschiede zwischen Schweizer Kindern und Kindern mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Über alle Schulstufen betrachtet kämpfen insgesamt 21,3 Prozent der Migrantenkinder mit Übergewicht. Bei den Schweizer Kindern sind es 12,4 Prozent. Die Unterschiede zeigen sich auf allen Klassenstufen und sowohl in der Stadt St.Gallen als auch in den übrigen Regionen des Kantons.

Im Vergleich zur letzten Erhebung im Schuljahr 2010/11 sind die Zahlen weitgehend unverändert geblieben: 21,4 Prozent waren es bei den Migrantenkinder, 11,4 Prozent bei den Schweizer Kindern.

Über Gründe spekulieren

Die kantonale Präventivmedizinerin sieht einen Zusammenhang zwischen dem Stadt-Land-Graben und den signifikanten Unterschieden bei der Staatsangehörigkeit. «Familien ausländischer Herkunft wohnen vermehrt in der Stadt als auf dem Land», sagt Karin Faisst. Hingegen kann sie über die Gründe, weshalb Migrantenkinder eher zu Übergewicht neigen, nur mutmassen. Es könnte an der unterschiedlichen Wahrnehmung des Körperbildes liegen, sagt sie. «In gewissen Kulturen gilt üppiges Essen als Statussymbol und die Bewegung wird dabei meistens vernachlässigt.» Auch dass bildungsferne Schichten – und dazu gehörten oft auch Migrantenfamilien – weniger gesund essen würden, sei nicht ganz unbekannt. Sicherlich würden aber auch sozioökonomische Aspekte eine wesentliche Rolle spielen.

Vorzeigeprojekt Purzelbaum

Obwohl sich die Werte gesamthaft stabilisiert haben, hält der Kanton an seinen Präventionsmassnahmen fest und fährt mit seinem Programm «Kinder im Gleichgewicht» auf verschiedenen Ebenen fort. Mittelfristig soll die Zahl der übergewichtigen Kinder nicht weiter stagnieren, sondern reduziert werden.

Dies auch mit Hilfe der strukturellen Bewegungsförderung. Kindern und Jugendlichen wird mit einfachen Massnahmen wie einer Sprossenwand eine Umgebung geschaffen, in der sie sich gerne bewegen. «Purzelbaum» ist diesbezüglich das Vorzeigeprojekt. Gemäss Karin Faisst setzen es zurzeit 40 Kindergärten im Kanton und rund 60 Kindergärten in der Stadt St. Gallen sowie 34 Kindertagesstätten um.

Die Familien mit Migrationshintergrund sollen mit dem Elternbildungsprojekt «Femmes-Tische» der Caritas besser erreicht werden. Im vergangenen Jahr fanden zum Thema Ernährung/Bewegung 95 Gesprächsstunden mit über 600 Teilnehmern in neun Sprachen statt.

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