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«Jeder zweite Türke ist ein Kurde»

Kurdische Kulturtage in St. Gallen: Noch heute Samstag finden im Waaghaus die sechsten kurdischen Kulturtage statt. Organisiert werden sie vom hiesigen Demokratisch-Kurdischen Gesellschaftszentrum. Eröffnung war am Mittwochabend.
Margrith Widmer
Frauen in kurdischen Kleidern fotografieren sich gegenseitig: Die kurdischen Kulturtage wurden am Mittwoch im Waaghaus eröffnet. (Bild: Benjamin Manser)

Frauen in kurdischen Kleidern fotografieren sich gegenseitig: Die kurdischen Kulturtage wurden am Mittwoch im Waaghaus eröffnet. (Bild: Benjamin Manser)

Hinreissende, kostbare Rûnas-Kelims an den Wänden, die PKK-Flagge mit rotem Stern auf gelbem Grund, Transparente mit dem Konterfei des Kurdenführers Abdullah Öcalan, Banner mit Slogans «Es lebe Kurdistan» oder «Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit»: «So schön war dieser Saal noch nie geschmückt – man könnte es so belassen», sagte Peter Tobler, der Integrationsbeauftragte der Stadt, am Mittwochabend an der Eröffnung der kurdischen Kulturtage.

Viele Kurden leben im Exil

«Ich weiss nicht, wie viele Kurden in St. Gallen leben», gestand Tobler. Und aus dem Publikum tönte es zurück: «Jeder zweite Türke ist ein Kurde.» Was schallendes Gelächter auslöste. «Es gibt ja keinen kurdischen Pass», meinte Tobler. Laut der Volkszählung 2012 sprachen 12 500 Personen in der Schweiz kurdisch. Man einigte sich dann darauf, dass in der Schweiz zwischen 30 000 und 60 000 Kurden lebten. Im gesamten deutschen Sprachraum wird die Zahl der Kurden auf 500 000 bis 800 000 geschätzt.

Was bedeutet Heimat?

Peter Tobler stellte auch die Frage nach der Heimat: Ist es ein Nationalstaat oder ein sicherer Lebensraum? «Diese Frage müssen eure Kinder beantworten. Sie werden die Heimat dort bauen, wo Zukunft ist – sei das nun im Iran, im Irak, in Syrien oder in der Türkei.» «Mesopotamien», rief ein Kurde. Integration, sagte Tobler, sei dort, wo Zukunft möglich sei. So sei es den Italienern ergangen: Die erste Generation sei nach Italien zurückgekehrt. Die Kinder seien geblieben. Später seien dann ihre Eltern wieder in die Schweiz zurückgezogen. Sie wollten in der Nähe ihrer Kinder und Enkel leben.

Kritik an der Unkultur

Er bewundere, wie grossartig die Kurden den Spagat zwischen Herkunft und Heimat schafften, sagte SP-Stadtparlamentarier Martin Boesch am Mittwochabend. Es sei aber erschütternd, wenn eine Schülerin, deren Matura-Arbeit den Islam im Rheintal zum Inhalt habe, mit Drohungen überschüttet werde. «Wenn das <Kultur> sein soll, kann ich darauf verzichten.»

Zuerst die Muttersprache zu beherrschen, sei absolut entscheidend, sagte Boesch. Er sei entsetzt über jene Schulgemeinde, die ausschliesslich Deutsch auf dem Schulhausplatz dulde. Die SP empfinde Menschen mit Migrationshintergrund als grosse Bereicherung in Sachen Denken und Herangehensweisen. Die SP möchte die ausländische Wohnbevölkerung stärker integrieren – bis zum vollen Stimm- und Wahlrecht auf lokaler und kantonaler Ebene. Das bestehende Instrument, das Eingaben an die Stadtbehörden erlaubt, sollte auch deshalb mehr genutzt werden, riet er.

Schweiz: Klare Haltung zeigen

Das 40-Millionen-Volk der Kurden erlebe seit Jahrzehnten Konflikte. Und jetzt herrsche in der Osttürkei Krieg, nachdem Erdogan zuerst einen Friedensplan vorgegaukelt habe, sagte der frisch gewählte Kantonsrat und Stadtparlamentarier Basil Oberholzer (Junge Grüne). Die Schweiz habe Verantwortung: Sie müsse eine klare Haltung zur Flüchtlingspolitik einnehmen und Waffenexporte einstellen. Die eingebürgerten Migranten hätten letztlich das Nein zur Durchsetzungs-Initiative bewirkt, sagte Oberholzer: «Durch Zusammenarbeit erzielen wir Erfolge. Die da oben machen nur dann, was sie wollen, wenn wir ihnen einfach alles glauben.»

Traum vom eigenen Staat

Leadsänger Akin des Quartetts, das im Waaghaus kurdische Musik spielte, sprach sich für einen Kurdenstaat in Mesopotamien und gegen Assimilation aus. Das Existenzrecht eines Staats der Kurden wurde 1920 im Friedensvertrag von Sèvres bestätigt – und nahezu 100 Jahre lang nie realisiert. Heute ist ein kurdischer Staat nur in Ansätzen im Nordirak verwirklicht, international anerkannt ist er nicht. Das historische Siedlungsgebiet der Kurden verteilt sich auf die Türkei, Irak, Iran und Syrien.

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