Jeder Brief ein Unikat

Ihr Mann schaut Fussball, Luisa Egger schreibt einen Geburtstagsbrief. Er schaut Skirennen, sie schreibt Dankesbriefe. Kaum ein anderes Mitglied des Vereins «Deutsche Kurrentschrift» ist eine solch fleissige Schreiberin. Und das mit 90 Jahren.

Corinne Allenspach
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Ein seltenes Bild: Luisa und Benedikt Egger üben daheim am Stubentisch gemeinsam die Kurrentschrift. Meist tut sie's allein. (Bild: Coralie Wenger)

Ein seltenes Bild: Luisa und Benedikt Egger üben daheim am Stubentisch gemeinsam die Kurrentschrift. Meist tut sie's allein. (Bild: Coralie Wenger)

Engelburg. Am liebsten ist ihr der Kugelschreiber. Der silbrige. Viel lieber als die Feder. Denn deren Spitze bleibt gerne im Papier stecken. Und schwupp, schon ziert ein Tolggen das Blatt. Und Tolggen mag Luisa Egger gar nicht. «Es gibt viele, die <veruckt hudlig> schreiben», sagt die Engelburgerin. Sie selbst gehört nicht dazu. Im Gegenteil. Ihre Buchstaben auf dem Bogen Marke «James Satiné» – ihrem Lieblingspapier – sind ebenso akkurat geordnet wie ihr weisses Haar. Jeder Buchstabe ein kleines Kunstwerk, von Zittern keine Spur. «Gestochen scharf und das mit 90», sagt ihr Mann Benedikt Egger bewundernd.

«Stille Nacht» in Originalversion

Die beiden sitzen daheim in Engelburg am Stubentisch. Luisa Egger blättert in einem Ordner, breitet ein Blatt ums andere auf dem geblümten Tischtuch aus. Alte Rezepte, Gedichte, Briefe, das Lied «Stille Nacht» in Originalschrift, mit sechs Strophen. Fast ehrfürchtig streicht sie mit dem Finger über die Schrift. Jene Schrift, die es ihr bereits als Kind angetan hatte. Die Deutsche Kurrentschrift, besser bekannt als Alte Deutsche Schrift. Luisa Egger rückt die Brille zurecht, greift wieder zum Kugelschreiber. Allein für den Buchstaben «S» gebe es vier Varianten, sagt die 90-Jährige. «Und es sieht saublöd aus, wenn man die falsche erwischt.»

Schreiben statt anrufen

Seit 25 Jahren vergeht kaum ein Tag, an dem Luisa Egger nicht ihren Kugelschreiber zückt. «Sie weiss immer etwas zu schreiben», sagt ihr Mann. Manchmal schreibt sie einfach für sich, um in Übung zu bleiben, meist aber für andere. Briefe an Mitglieder des Vereins «Deutsche Kurrentschrift» (siehe Kasten), an ihre vier Kinder, an die Enkel, an Freunde, Bekannte und Nachbarn. Tradition haben Luisa Eggers Geburtstagsbriefe. Alle, die sie kennt, bekommen einen – wer's lesen kann in Kurrentschrift. Jeder Brief ein Unikat, zwei gleiche kommen ihr nicht aufs Papier. «Jeder Mensch ist ja auch eine andere Person», sagt sie, die es selber überhaupt nicht mag, wenn am Geburtstag den ganzen Tag das Telefon läutet. Auch «danke» sagt Luisa Egger stets mit einem Brief. «Es ist unanständig, nur anzurufen», findet sie. Das wenige, das sie immer in lateinischen Buchstaben schreibt, ist die Adresse auf dem Couvert. «Weil die jungen Postboten die Kurrentschrift nicht mehr lesen können.»

Verein als «Schreiberfamilie»

So richtig angefangen hat alles 1987, als ein Mitglied des Vereins «Deutsche Kurrentschrift» im Schweizer Fernsehen Menschen suchte, welche Freude an der Alten Deutschen Schrift haben. So wie Eggers. Das Ehepaar meldete sich gleich bei der Ostschweizer Gruppe des Vereins an. Für die zwei Engelburger, die früher die Bäckerei Egger an der Oberstrasse im St. Galler Otmar-Quartier führten, ist der Verein, der am 30. April sein 25-Jahr-Jubiläum feiert, «wie eine Schreiberfamilie».

Luisa Egger greift wieder zum Kugelschreiber, taucht ein in die Welt ihrer Buchstaben. «Es ist einfach schön, wenn man einen Brief bekommt», sagt sie, ohne aufzublicken. «Sonst kommt ja immer nur Reklame.»

25 Briefe zum Geburtstag

Erst kürzlich feierte die Engelburgerin ihrem 90. Geburtstag. Und sie bekam nicht nur einen, sondern gleich zwei Dutzend Briefe. Im Verein gilt Luisa Egger als eine der fleissigsten Schreiberinnen, wie Elsi Mast, Präsidentin der Gruppe Ostschweiz, weiss. Die Gründe, warum jemand im Verein mitmache, seien vielfältig: Um die Kurrentschrift zu erhalten, um anderen aus seinem Leben zu erzählen, weil es schön ist, Kontakte zu pflegen. Bei Luisa Egger ist es von allem ein bisschen. Und in Kürze hat sie einen besonderen Grund für einen Brief: Ihr Mann und sie sind 65 Jahre verheiratet.

Gestochen scharf: Ein Brief in Kurrentschrift von Luisa Egger. (Bild: pd)

Gestochen scharf: Ein Brief in Kurrentschrift von Luisa Egger. (Bild: pd)

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