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Je wilder die Natur, desto lieber

ST.GALLEN. Die Geschichte von Gallus und seinem Meister Kolumban interessiert auch die Historiker und Klimaforscher. Liest man bei den Heiligengeschichten zwischen den Zeilen, erfährt man manches zur Mensch-Natur-Beziehung im Mittelalter.
Josef Osterwalder
Die Steinach wird bereits in der Galluslegende beschrieben. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Steinach wird bereits in der Galluslegende beschrieben. (Bild: Hanspeter Schiess)

Das konnte Diakon Hiltibod nicht verstehen. Im Jahr 612 will Gallus, kaum von seinem Krankenlager in Arbon aufgestanden, der Steinach folgen und irgendwo im Urwald einen Platz für eine Einsiedelei suchen. Hiltibod bietet alle Überredungskunst auf, um ihn von diesem Unterfangen abzuraten: «O Vater, diese Wildnis ist von zahlreichen Wasserläufen durchzogen, aber sie ist schrecklich rauh, voll von schroffen Bergen und gewundenen, engen Tälern, von furchtbar wilden Tieren behaust; denn neben Hirschen und Herden von harmlosen Tieren bringt sie viele Bären, unzählige wilde Eber und Wölfe ohne Zahl hervor, alle unglaublich wild. Ich fürchte, diese feindlichen Tiere werden dich fressen…»

Das «grüne Martyrium»

Was der gute Diakon anscheinend nicht weiss, dass gerade diese drastische Schilderung Gallus besonders motiviert. Denn genau das sucht er ja: einen Ort, an dem er mit nichts als seinem Gottvertrauen bestehen kann. «Unblutiges Martyrium» nannten die irischen Mönche diesen Weg in die unwirtlichsten Gegenden der Welt. Die einen wählten schroffe, kahle Felseninseln als Ort des Rückzugs, andere, wie Abt Brendan, segelten aufs offene Meer hinaus und landeten vermutlich in Amerika, Kolumban und Gallus liessen sich in verlassenen Stätten oder eben im Urwald nieder. So wird das unblutige auch das «grüne Martyrium» genannt.

Auftakt zum Kongress

Beim Auftakt zur wissenschaftlichen Gallustagung griff Professor Christian Rohr in seinem Eröffnungsvortrag solche Zusammenhänge auf. Der Berner Professor geht in seiner historischen Forschung vor allem der Umwelt- und Klimageschichte nach; ein Fach, das bei den Studierenden grosses Interesse findet. Und nicht nur bei diesen, wie der dicht gefüllte Musiksaal des Stiftsbezirks zeigte.

Christian Rohr erläuterte, warum die Beschreibungen des Lebens von Kolumban und Gallus gerade auch für die Umwelt- und Klimageschichte so wichtig sind. Während man nämlich über die klimatischen Bedingungen zur Römerzeit und ab dem Hochmittelalter gut Bescheid weiss, herrscht beim Frühmittelalter Nachholbedarf. Hier gibt es neben der Archäologie nur die frühen Heiligengeschichten, die etwas zum Verhältnis von Mensch und Natur verraten, und dies auch nur zwischen den Zeilen.

Rückeroberung

So erstaunt, dass die Natur überhaupt als so wild und gefährlich geschildert werden kann, wie es Hiltibod im Eingangszitat tut. Schliesslich war Mitteleuropa zur Römerzeit weitgehend kultiviert. Die Eichenwälder waren abgeholzt, der Boden urbar gemacht. Dann aber setzte vom dritten Jahrhundert an eine Abkühlung ein, die Römer zogen sich zurück, ihre Strassen zerfielen, die Wälder, jetzt aus Buchen, begannen wieder zu spriessen.

Diese Rückeroberung durch die Natur wurde offensichtlich als bedrohlich empfunden, denn sie machte auch die Nahrungsbeschaffung immer schwieriger. Als Gallus am Steinachstrudel, seiner endgültigen Bleibe ankam, warf er zuerst sein Netz ins Wasser. Fische und Beeren waren die einzigen Nahrungsquellen, die er vorfand.

Natur verliert ihren Schrecken

Nicht von ungefähr berichten die frühen Heiligengeschichten von zahlreichen Naturwundern, wie auf wundersame Weise Unwetter abgewendet, Ernten gerettet oder Fische gefangen werden. Für Christian Rohr weisen solche Geschichten auf die grössten Bedürfnisse der damaligen Menschen hin. Zwei Jahrhunderte später wandelt sich das Bild. Die Natur- und Nahrungswunder treten zurück, an ihre Stelle treten die Geschichten von wundersamen Heilungen. Die Natur verliert ihren Schrecken, umso wichtiger wird nun die Sorge um die eigene Gesundheit. Heiligengeschichten verraten, wie Menschen leben und was sie bewegt.

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