Jahr der trockenen Seeufer

BODENSEE. Während auf der anderen Seite der Alpen Menschen unter Hochwasser leiden, hat der Bodensee erneut weniger Wasser als im Durchschnitt für die Jahreszeit – wie fast immer seit Anfang März.

Fritz Bichsel
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BODENSEE. Der Seepegel liegt jetzt auf rund 395,20 Meter über Meer, damit etwa 15 Zentimeter unter dem langjährigen Durchschnitt von Mitte November. Nach unüblichem Anstieg im Oktober ist er seit einem Monat um einen halben Meter gesunken – doppelt so viel wie in dieser Zeit üblich.

Lange Trockenperioden

Im Winter bis hoch hinauf Regen statt Schnee; nach Trockenheit im Frühling und Vorsommer zwei wechselhaft-feuchte Sommermonate; seit Mitte August wieder meistens zu trocken, wenn auch nicht mehr so extrem wie von März bis Juni: Diese Abweichungen der Niederschläge von der Norm am Bodensee und besonders im Grossteil seines Einzugsgebietes in den Alpen spiegeln sich in der Grafikkurve des Seewasserstandes von 2011.

Im Vorsommer bewegte sich der Seepegel gut einen Monat lang stets im Bereich des tiefsten Wertes in den 130 Jahren, seit denen auf der Schweizer Seite regelmässig gemessen wird. Dann liess ihn Regen im Hochsommer ansteigen bis nahe an das langjährige Mittel. Übertroffen hat er dieses aber seit Anfang März einzig Mitte Oktober – nach heftigen Niederschlägen just in der Herbstferienzeit. In den See gelangten diese über mehrere Tage verteilt, weil sie früh bereits bis in tiefere Lagen hinunter als Schnee fielen, welcher dann aber rasch wegschmolz.

Kaltfronten wirken mildernd

Solche Kaltfronten mit Niederschlag kamen mehrmals in der sonst deutlich zu trockenen und zu warmen Periode von Frühling bis Herbst 2011. Sie bewirkten, dass die Natur an Land doch genügend Wasser bekam, dadurch sehr gute Ernten lieferte und das Seewasser über dem Allzeittief blieb. Derzeit sinkt es wieder rascher als um die Jahreszeit üblich. Wenn das anhält, wird 2011 mit einem der tiefsten Pegelstände in die Statistik eingehen. Immerhin bleibt dieser etwa 20 Zentimeter über dem Tiefstwert von 1949 mit nur 395,10 Meter im Jahresdurchschnitt. Im Jahr mit dem bisher höchsten Mittel stand das Wasser 70 Zentimeter höher als 2011. Das war 1970. Bei Ausschlägen nach oben und unten über kürzere Zeit wurden hingegen in der 130jährigen Messreihe mehrere Rekorde erst in den vergangenen zwanzig Jahren registriert. Das zeigt, dass sich auch bei uns das Klima wandelt.

Auswirkungen ungewiss

Was das längerfristig bedeutet, erkunden Wissenschafter noch. Kurzfristig hat der tiefe Wasserstand im und am Bodensee geringe Auswirkungen. In weiten Teilen des Einzugsgebietes hingegen müssen wegen der weiteren Trockenperiode viele Leute um das Wintersportgeschäft bangen, weil noch kaum Schnee liegt.

In der Saison 2011 hatten in einigen Bodenseehäfen, wie hier in Horn, Boote nicht immer die nötige Handbreit Wasser unter dem Kiel. (Bild: Ralph Ribi)

In der Saison 2011 hatten in einigen Bodenseehäfen, wie hier in Horn, Boote nicht immer die nötige Handbreit Wasser unter dem Kiel. (Bild: Ralph Ribi)