Ja zum autofreien Stadtzentrum

Bei der städtischen Abstimmung vom 15. Mai geht es um ein umfangreiches und komplexes Projekt, bei dem man sich in unzähligen Details verlieren kann.

Reto Voneschen
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Bei der städtischen Abstimmung vom 15. Mai geht es um ein umfangreiches und komplexes Projekt, bei dem man sich in unzähligen Details verlieren kann. Und es geht um ein Projekt, das grosse Veränderungen im Zentrum der Stadt bewirken und damit direkte Auswirkungen auf den Alltag von Städterinnen und Städtern haben wird. Dass viele Stimmberechtigte im ersten Moment auf das Projekt emotional und ablehnend reagieren, ist keine Überraschung. Die Gruppe derer, die verunsichert und noch nicht für Ja oder Nein entschieden sind, dürfte grösser sein als bei anderen, ebenfalls umstrittenen städtischen Vorlagen der letzten Jahre.

Wollen die Komitees der Befürworter – in erster Linie Politiker und das Gewerbe – ein Ja erreichen, müssen sie dem Stimmvolk die Angst vor der Veränderung nehmen. Sie müssen es überzeugen, dass die Vorteile der Umgestaltung die Nachteile überwiegen und dass daher die mit 35,8 Millionen Franken hohen Projektkosten gerechtfertigt sind. Ob sich das mit Jubelgeschrei übers Flanieren und Einkaufen, übers Im-Regen-Tanzen und übers Sonne-Geniessen erreichen lässt, ist mindestens fraglich.

Die Gegner des Projekts haben es einfacher. Als Grundstrategie reicht dank der Gefühlslage der Bevölkerung die Verteidigung des Status quo, gekoppelt mit lautstarker Kritik an möglichst vielen Details. Das Grüppchen Fundamentalkritiker, das die Umgestaltung seit längerem mit missionarischem Eifer bekämpft, setzt in dem Sinn ganz offensichtlich auf die Karte «Verunsicherte Stimmberechtigte sagen eher Nein».

Die Stadt selber macht dem Stimmberechtigten den Entscheid auch nicht einfach. Das Marktplatz-Projekt hat eine von Verzögerungen, von Hüst und Hott geprägte Leidensgeschichte. Systematisches Projektmanagement sieht anders aus als das, was die Direktion Bau und Planung da abgeliefert hat. Glaubwürdiges Projektmanagement müsste wohl etwa so sein wie jenes der Stadtwerke bei der ebenfalls komplexen und mit Unsicherheit behafteten Geothermie.

Allerdings: Wer seinen Stimmzettel für den 15. Mai ausfüllt, tut gut daran, sich zu erinnern, dass wir nicht Stilnoten für die Bauverwaltung verteilen. Die Zeit für jene, die einen Denkzettel in diese Richtung für nötig erachten, kommt mit den Stadtwahlen im Herbst 2012. Und: Am 15. Mai geht es auch nicht darum, das Schaulaufen, die farbigen Bildchen sowie die himmelhoch jauchzenden oder die apokalyptischen Argumente der Ja- und Nein-Komitees zu benoten. Bei der Marktplatz-Abstimmung geht es um die Zukunft des zentralen öffentlichen Raums in der Altstadt, um das Gesicht unseres Stadtzentrums. Zudem geht es am 15. Mai um Grundsätze der Neugestaltung. Es geht nicht um die vielen, teils tatsächlich nervigen Details, die bei Nichtfunktionieren relativ einfach nachgebessert werden können.

Um zu einer Lösung zu kommen, müssen Einzelinteressen zugunsten von Kompromissen zurücktreten. Ohne sie ist eine Platzgestaltung nie möglich. Wer meint, es gehe nur, wenn im öffentlichen Raum sein Anliegen oder sein Argument zu 100 Prozent berücksichtigt werde, hat etwas falsch verstanden. Zu einem lebendigen öffentlichen Raum kommen wir nur mit dem Blick aufs Ganze.

Grundsätzliche Fragen, die beim individuellen Entscheid das Ja oder Nein beeinflussen, gibt es immer noch genug. Am Anfang steht für viele als Stolperstein die Parkgarage Schibenertor. Man darf angesichts der in den letzten Jahren erstellten Parkhäuser sicher bezweifeln, dass die hier geplanten neuen Parkplätze für die Stadt überlebensnotwendig sind. Aber: Ohne den Projektteil werden sich keine politischen Mehrheiten für die Aufhebung von 148 oberirdischen Parkplätzen auf dem Marktplatz, in der nordwestlichen Altstadt und der benachbarten Innenstadt finden lassen. «Parkhausgegner» können das beklagen. Wenn sie aber in nützlicher Frist einen neuen Marktplatz wollen, kommen sie nicht darum herum, diese «Kröte» zu schlucken.

Eine ähnliche «Kröte» für einen Teil jener, die einen neuen Marktplatz wollen, ist der Abbau der Calatrava-Halle. Man kann das aber auch anders sehen: als Korrektur einer Bausünde aus den 1990er-Jahren. Allein, dass man sich an das für den Standort überdimensionierte und als Wartehalle unpraktische Glashaus gewöhnt hat, ist kein Grund, es nicht nach Winkeln abzutransportieren.

Eine «Kröte» wieder für andere ist, dass für die Neugestaltung etliche Bäume auf dem Marktplatz und am Oberen Graben verschwinden. Bäume beeinflussen das Mikroklima im Siedlungsgebiet positiv. Spürbar wird das im Hochsommer auf Plätzen, die ohne die natürlichen Schattenspender, Luftbefeuchter und Staubfilter auskommen müssen. Jene, die hier eine «Kröte» schlucken, können mindestens hoffen, dass nach heissen Sommern auf dem umgestalteten Platz noch «aufgeforstet» wird.

Fazit: Es gibt gute Gründe, am 15. Mai Ja zur Marktplatz-Vorlage zu sagen. Auch, wenn man die eine oder andere «Kröte» schlucken muss. Der wichtigste Ja-Grund ist die Aussicht, in nützlicher Frist zu einem autofreien Stadtzentrum zu kommen, in dem öffentlicher und Langsamverkehr Priorität haben. Das vorliegende Projekt ist dafür ein pragmatischer Ansatz, der in Details sicher noch verbessert werden kann.