Italianità auf Flugzeugrädern

Die Mitglieder des Clubs «I Vespisti di San Gallo» laden morgen zum Tag der offenen Türe und gemeinsamer Ausfahrt. Dabei zelebrieren sie ihre Vehikel als Ausdruck italienischer Lebensart – und als Transportmittel von Erinnerungen.

Beda Hanimann
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Gruppenfahrt an den Bodensee: Mitglieder des Clubs «I Vespisti di San Gallo» posieren mit ihren Gefährten. (Bild: pd)

Gruppenfahrt an den Bodensee: Mitglieder des Clubs «I Vespisti di San Gallo» posieren mit ihren Gefährten. (Bild: pd)

Die Legende ist zu schön, genau so wie jene der Vespa selber. Nachdem Mike Steiners Frau Marianne zum ersten Mal mit ihrer Vespa, einem Modell VN1 mit Jahrgang 1954, ausgefahren war, soll sie gesagt haben: «Auf dieses Gefährt setze ich mich nie mehr, da wird man ja ständig ausgelacht.» Mike Steiner, schon länger vom Vespa-Virus befallen und Besitzer einer VNT1 1962, wusste es besser: Wer mit einer Oldtimer-Vespa ausfährt, wird nicht aus-, sondern angelacht.

«Manchmal klatschen die Leute sogar, wenn wir mit unseren Vespas vorfahren», sagt Steiner. Wir, das sind die Mitglieder des Clubs «I Vespisti di San Gallo», der 2009 gegründet wurde und heute drei Dutzend Mitglieder hat. Morgen Samstag laden die Vespisti zum Tag der offenen Tür in ihren Clubraum an der Heiligkreuzstrasse 14.

Vespas erzählen Geschichten

Die Sympathie, die ihren Vehikeln entgegenfliegt, überrascht Steiner nicht. «Dieses typische Geknatter und der Geruch alter Vespas ist für viele ältere Menschen der Klang von Kindheit und Jugend.» Damit seien viele aufgewachsen, im italienischen Roller steckten deshalb viele Erinnerungen, Erinnerungen an die eigene wilde Zeit vielleicht auch. «Wenn wir irgendwo haltmachen, dauert es meist nicht lange, bis Interessierte dazukommen und man in Gespräche verwickelt ist.» Eine Vespa sei für viele einfach etwas Herziges und Schönes. Und jede Vespa erzähle eine Geschichte.

Eine besondere Geschichte ist auch die der Ur-Vespa, die vor genau siebzig Jahren auf den Markt kam. Der Vorteil der Vespa-Legende gegenüber anderen Legenden sei, dass sie wahr sei, schrieb Dieter Struss 1996 im Jubiläumsbuch zum 50. Geburtstag. Sie geht so: Da war ein nach dem Krieg darniederliegender italienischer Flugzeugbauer, der sich Gedanken anstellte, wie er seine Werkstätten wieder auf Touren bringen und den Arbeitern eine neue, zukunftsträchtige Aufgabe geben könnte. Bauteile und kleine Räder waren noch da, so entstand die Idee, einen billigen, sparsamen Motorroller zu konstruieren. Mit bequemer Sitzposition, Beinfreiheit und freiem Durchstieg, mit Beinschild gegen Schmutz und verkapseltem Motor.

Alltagsgefährt und Kultobjekt

Diese Alltagstauglichkeit war das schlagende Argument. Die Vespa wurde in Italien schnell zum erschwinglichen Familienfahrzeug, alte Fotos mit Eltern und zwei Kindern drauf zeugen davon. Die organische Form und die Wespentaille passten ins Design-affine Italien, und so wurde die Vespa bald vom Alltagsvehikel zum Kultobjekt, das in manchem italienischen Film die heimliche Hauptrolle spielte. Der Inbegriff von Italianità ist sie bis heute. Auch für Steiner und seine Vespisti-Kollegen drückt sie ein Lebensgefühl aus. «Draufsitzen, das Knattergeräusch hören und smile», sagt er mit vielsagendem Strahlen.

Faszinierende Einfachheit

«Im Vordergrund steht für uns das Element Vespa», sagt Steiner. Dieses italienische Lebensgefühl also. Dazu kommt der Spass am Basteln, am Restaurieren, am Flicken. «Das ist ja das Schöne an der Vespa, diese Einfachheit in der Konstruktion. Bei alten Vespas gibt es keine Elektronik, da ist alles mechanisch.» Einen Neid auf Kollegen, die ein älteres Modell haben, gebe es nicht, sagt Steiner. Höchstens vielleicht neidvolle Bewunderung – und der kleine Frust, dass man nicht selber auf so ein Exemplar gestossen sei. Denn die alten Vespas werden natürlich immer rarer.

Die Vespisti di San Gallo treffen sich jeden ersten Montag im Monat zum gemeinsamen Basteln, zum Gedankenaustausch (Steiner spricht von «Benzin-Öl-Gesprächen») und zu Ausfahrten. Der Tag der offenen Tür jeweils im April markiert den Saisonstart. Hin und wieder fährt man gemeinsam zu Vespa-Treffen mit anderen Clubs. «Das ist eine Community, wie sie beispielsweise auch Harley-Fahrer kennen», sagt Steiner. Und ergänzt, dass im Club durchaus auch Besitzer mit neueren Modellen willkommen seien. «Hauptsache, es steht Vespa drauf.»

Mike Steiner Fährt eine VNT1, Jahrgang 1962

Mike Steiner Fährt eine VNT1, Jahrgang 1962

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