Irisches Dorf im Lottofieber

Eine Inszenierung der bekannten und temporeichen Filmkomödie «Lang lebe Ned Divine» auf der Bühne? Diese Herausforderung hat das Theater Sinnflut mit Bravour gemeistert. Das Premierenpublikum war begeistert.

Gisela Tobler
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Die Lottofee (links) überbringt Bewohnern des 52-Seelen-Dorfes Tully More die frohe Botschaft des Lottogewinns. (Bild: Gisela Tobler)

Die Lottofee (links) überbringt Bewohnern des 52-Seelen-Dorfes Tully More die frohe Botschaft des Lottogewinns. (Bild: Gisela Tobler)

RORSCHACH. Die Geschichte spielt im irischen 52-Seelen-Ort Tully More, wo der alte Ned Divine 6 894 622 Euro im Lotto gewinnt. Sein Herz verkraftet diesen Schock nicht, und der Gewinner stirbt noch vor laufendem Fernseher. Eigentlich müsste das Geld nun in den Jackpot zurückgehen, doch die Dorfbewohner setzen alles daran, vom Geldsegen zu profitieren. Um das moralisch nicht ganz einwandfreie Ziel zu erreichen, schmieden sie einen Plan, der breite Zustimmung findet. Einzig die griesgrämige Lizzy Green verweigert ihre Unterschrift. Sie fordert eine Million für sich, ansonsten werde sie den Betrug der Lotteriegesellschaft melden und die dafür ausgesetzte Prämie kassieren.

Viel Liebe zum Detail

Die Umsetzung des von Kirk Jones temporeich inszenierten Films aus dem Jahre 1998 in ein Bühnenstück ist Sinnflut-Regisseurin Kristin Ludin bravourös gelungen. Die schnellen Filmschnitte kompensiert sie mit prägnanten Szenen, die dem schwarzen britischen Humor vollauf Rechnung tragen, sowie mit einem hervorragend durchdachten und mit viel Liebe zum Detail ausgestatteten Bühnenbild. Im Mittelpunkt steht ein irisches Pub, das nach Bedarf ohne grossen Aufwand auf- und zugeklappt werden kann. Die Regisseurin zeigt sich nach der Premiere entspannt und sichtlich zufrieden: «Ich bin stolz, wie gut die Darsteller diesen ersten Auftritt gemeistert haben und vor allem auch, wie souverän es ihnen gelungen ist, kleine Pannen zu überspielen. Das ist nur möglich, wenn eine Rolle nicht nur gespielt, sondern gelebt wird.»

Starke Hauptrollen

Eine Klasse für sich ist einmal mehr Bertolt Specker als gewiefter Jacky mit «scharfem irischen Verstand». Seine Bühnenpräsenz ist ebenso beeindruckend wie seine Spielfreude. Als starke Frau hinter dem erfolgreichen Mann brilliert Elisabeth Spörri, die dank ebenfalls langjähriger Bühnenerfahrung ihre Rolle als Jackys Angetraute Annie gekonnt in Szene setzt.

Jackys guter Kumpel Michael wird von Hans Ludin gemimt, der im Dialog mit Bertolt Specker zu Hochform aufläuft. Wiederum Mut zur Hässlichkeit – Erinnerungen an «Mumien» (2009) werden wach – beweist Karin Etterlin als Lizzy Green. Dank ihrer ausgeprägten Körpersprache gelingt es ihr, voll und ganz in die Rolle der alten, gebrechlichen Frau zu schlüpfen. In der Originalversion landet die garstige Lizzy Green samt Telefonkabine im Meer. Welchen Tod sie auf der Bühne in der Aula der Fachhochschule für soziale Arbeit in Rorschach stirbt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Kind auf der Bühne

Anja Lassig überzeugt in einer Doppelrolle als niesende Lottofee und lispelnde Kellnerin. Und zum ersten Mal in der Sinnflut-Geschichte steht mit Sophie Windler zudem ein Kind auf der Bühne. Die Goldacher Schülerin vermag als verspielte und ebenso vorwitzige und altkluge Glynis gut zu gefallen. Ihre ebenso quirlige wie wankelmütige Mutter Maggie wird von Tanja Jäger gespielt, die für frischen Wind und Romantik sorgt, bis sich ihr Herz – Lottomillionen sei Dank – letztlich doch für Schweinebauer Flynn entscheidet.

Alois Ruch als gutmütiger Flynn steht zum erstenmal auf der Sinnflut-Bühne, bringt aber reichlich Erfahrung aus anderen Theaterprojekten mit. Harmonisch bereichert wird das Ensemble ausserdem durch Bruno Gschwend als Jungunternehmer Tom, Andreas Wendel als Pfarrer, Walter Graf als Grossvater Barnabas und Cornelia Truniger als Kioskfrau.