INTEGRATION: Nie wieder Einkaufstaschen tragen

Die Sozialfirma «Schon da» will in St. Gallen einen Velo-Lieferservice aufbauen. Dieser soll den Konsumenten das Tragen der Einkaufstüten ersparen – und anerkannte Flüchtlinge für den Arbeitsmarkt fit machen.

Adrian Lemmenmeier
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Paul Zünd (links) und Sebastian Schefer mit einem E-Bike ihres Hauslieferdienstes «Schon da». (Bild: Urs Bucher)

Paul Zünd (links) und Sebastian Schefer mit einem E-Bike ihres Hauslieferdienstes «Schon da». (Bild: Urs Bucher)

Adrian Lemmenmeier

adrian.lemmenmeier@tagblatt.ch

Wer in der Innenstadt einkauft, muss seine Besorgungen selbst nach Hause bringen. Bis jetzt jedenfalls. «Schon da», der neue Lieferdienst des Vereins «Velo-Hauslieferdienste St. Gallen», will das ändern. So soll der Service funktionieren: Der Konsument tätigt wie gewohnt seine Einkäufe in einem Laden. Dann füllt er an der Kasse einen Lieferschein aus und erhält seine Einkaufstaschen in einem vereinbarten Zeitfenster von «Schon da» nach Hause geliefert. Ein Transport kostet sechs Franken. Geliefert wird mit klimafreundlichen Elektrovelos auf dem gesamten Stadtgebiet.

Der Lieferdienst ist nur die eine Seite von «Schon da». Das Projekt ist beim Kanton St. Gallen als Qualifizierungsmassnahme für anerkannte Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Ausländerinnen und Ausländer regis­triert. Die E-Bikes sollen von Flüchtlingen gefahren werden, die sich für den Arbeitsmarkt fit machen. «Bei uns erleben die Flüchtlinge durch den direkten Kontakt mit den Kunden und Geschäften, worauf es im Arbeitsleben ankommt», sagt Paul Zünd, Projektleiter und Initiator von «Schon da». Aber es wird nicht nur Velo gefahren. Die Teilnehmenden absolvieren bei «Schon da» Deutschkurse und erhalten professionelle Unterstützung bei der Stellenbewerbung. Von der Vereinigung der St. Galler Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten (VSGP) hat «Schon da» eine Anschubfinanzierung erhalten. Künftig soll das Projekt von Einnahmen aus Fahrten und Werbung sowie von Beiträgen aus den Gemeinden getragen werden.

Detailhändler sind an Bord

Beim Detailhandel ist das Interesse am neuen Lieferdienst vorhanden. Migros, Coop und Denner haben sich gemäss Zünd zur Zusammenarbeit bereiterklärt. Der Service solle aber genauso den kleinen Geschäften der Stadt zugutekommen, sagt Zünd. Die wendigen Elektrovelos können in der verwinkelten Altstadt bei jedem noch so kleinen Laden Lieferungen abholen und sie den Haushalten zustellen.

Die Stadt profitiere von diesem Service in mehrfacher Hinsicht, ist Zünd überzeugt. Der Lieferdienst sei nicht nur günstig und sinnvoll für die Integration von Flüchtlingen, sondern biete auch eine Alternative zum Auto: «Wenn man seine Einkäufe im Geschäft abgeben kann, gibt es keinen Grund, mit dem Auto einkaufen zu fahren», erklärt Zünd. So spare man pro Einkauf immerhin ein Kilogramm CO2. Sebastian Schefer, Vorstandsmitglied im Verein «Velo-Hauslieferdienste St. Gallen» und Geschäftsleiter des Velokuriers «die Fliege», drückt es so aus: «Für mich soll dieser Lieferdienst ein Argument sein, in der Stadt zu wohnen.» Die neue Sozialfirma ist in den Räumlichkeiten des Velokuriers «die Fliege» im St. Otmar-Quartier untergebracht.

Andere Städte machen Schule

Dass dieses Konzept funktioniert, zeigen Beispiele aus anderen Städten. Schweizweit gibt es mittlerweile 16 Velo-Lieferdienste in 14 Städten. In Burgdorf im Kanton Bern etwa besteht ein solcher Service bereits seit 20 Jahren. Jährlich werden dort gemäss den Angaben des Lieferdienstes gut 350 Tonnen Einkäufe per Velo aus den Läden in die Haushalte spediert.

Paul Zünd und Sebastian Schefer sind optimistisch, dass der Velo-Lieferdienst bald auch in St. Gallen erfolgreich anrollt. Die Vorkehrungen dazu sind mehrheitlich getroffen. Nun geht es darum, dass die 77 St. Galler Gemeinden dem Projekt auch Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Ausländer zuweisen. Momentan ist Paul Zünd mit verschiedenen Stellen im Gespräch. «Wir sind guten Mutes, dass auch hier die Zusammenarbeit klappt.»

Ist dem so, beginnt «Schon da» am 1. Mai mit dem Qualifizierungsprogramm für die Flüchtlinge. Die ersten Lieferungen sollen am 1. Juni ausgefahren werden. Läuft alles rund, kann man in St. Gallen seine Einkaufstaschen also bald an der Kasse zurücklassen, statt sie mit dem Auto nach Hause zu fahren oder im überfüllten Bus zwischen die Beine zu klemmen.