INTEGRATION: «Ich gebe nicht auf»

Vor drei Jahren kämpfte er gegen Depressionen, heute hat der Flüchtling Tahir Ibrahimi in Wittenbach eine zweite Familie gefunden und eine Lehre abgeschlossen. Dennoch ist er nicht am Ziel.

Noemi Heule
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Tahir Ibrahimi unter seinem «Lebensbaum», geschmückt mit Fotos seiner zweiten Familie. (Bilder: Ralph Ribi)

Tahir Ibrahimi unter seinem «Lebensbaum», geschmückt mit Fotos seiner zweiten Familie. (Bilder: Ralph Ribi)

Noemi Heule

noemi.heule

@tagblatt.ch

Tahir Ibrahimi serviert Schwarztee mit Milch. Genauso, wie er dies vor drei Jahren getan hatte. Damals, war der afghanische Flüchtling frisch zur Familie Frischknecht in Wittenbach gestossen. Die Frischknechts nahmen ihn auf, weil er Gesellschaft brauchte. Dringend. «Traumatisiert, isoliert und depressiv», beschrieb Annette Frischknecht seinen Zustand, als er noch allein in einer Sozialwohnung in Wittenbach lebte. «Eine Familie für Tahir Ibrahimi» titelte das «Tagblatt» im September 2014. Die Familie Frischknecht, Annette und Tschiggo mit ihren beiden Töchtern, war für ihr Engagement von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe zum «Dream-Team 2014» gekürt worden.

Heute hat sich nicht nur das Aussehen des 24-Jährigen verändert. Haariger ist er geworden. Die Wangen verschwinden unter schwarzen Bartstoppeln. Die Haare drehen sich in fröhlichen Locken gegen den Himmel, und die dunklen, mandelförmigen Augen lachen hinter Brillengläsern hervor. Auch vor drei Jahren suchte er das Gespräch, doch fiel es ihm schwer, seine Gedanken in deutsche Worte zu packen. Heute sprudeln diese nur so aus ihm heraus. Tahir Ibrahimi geht es besser. Auch wenn er just an diesem Tag einen Rückschlag hinnehmen musste.

Für seine Arbeit ausgezeichnet

Seinem lang gehegten Traum ist er mittlerweile einen bedeutenden Schritt näher gekommen. Dem Traum, Koch zu sein. Vor drei Jahren noch suchte er eine Stelle als Hilfskoch, jetzt schliesst er eine zweijährige Ausbildung zum Küchenangestellten ab. Streng sei die zweijährige Lehrzeit gewesen. Zwar bewältigte er den praktischen Teil ohne Probleme, die Schweizer Küche sei denn auch unkomplizierter als jene aus Afghanistan mit ihrer reichen Gewürzpalette. Mit der Theorie aber kämpfte er. Die deutsche Sprache bereitete ihm Mühe, genauso die Schrift. Ibrahimi war vor seiner Flucht nach Europa gerade mal drei Jahre zur Schule gegangen.

Trotz der Strapazen, auch in der Theorie schloss Ibrahimi bestens ab. Mehr noch: Seine Vertiefungsarbeit war eine der besten des Jahrgangs. Aus 1000 Lernenden wurde sie vom Berufs- und Weiterbildungszentrum St. Gallen mit dem dritten Rang ausgezeichnet. Er erhielt ein Zertifikat und einen Eintrag im Mitteilungsblatt Eggersriet, wo er im Seniorenzentrum zur Lehre ging.

In der Arbeit, die einen persönlichen Bezug haben sollte, befasste er sich mit der Untersuchungshaft in St. Gallen. «Ich war ja auch im Gefängnis», stellt er den Bezug her. Als illegaler Einwanderer wurde er in Griechenland mehrmals aufgegriffen und inhaftiert, manchmal für ein paar Tage, manchmal für mehrere Monate. Ibrahimi macht eine Handbewegung, als wolle er eine Fliege verscheuchen. Diese Erinnerungen will er nicht wachrufen. Nur so viel: «In der Schweiz sind die Gefängnisse schöner.»

Tahir Ibrahimi gehört der Volksgruppe der Hazara an, eine schiitische Minderheit in seiner Heimat Afghanistan. Nach der Machtergreifung der Taliban flüchtete die Familie ins benachbarte Pakistan. Dort kam sein Bruder bei einem Anschlag ums Leben; sein zweiter Bruder flüchtete weiter in den Iran, wo sich seine Spur verlor. Der Vater sparte Geld, damit sein jüngster Sohn den Weg nach Europa schafft. Mit 16 machte er sich auf den Weg. Zu Fuss, per Gummiboot, im Kofferraum eines Taxis, in einem Kühlwagen rückte er seinem Ziel Kilometer um Kilometer näher. Vier Jahre später erreichte er die Schweiz. Ohne Geld, ohne Papiere, auch den Kontakt zu seiner Familie hatte er unterwegs verloren.

Heute besitzt er eine Aufenthaltsbewilligung F. Ein Status, der auch Nachteile mit sich bringt. An diesem Morgen hat er eine Absage erhalten. Die Stelle in einem Bündner Hotel hatte er bereits in Aussicht, der Schnuppertag verlief gut. Die Hiobsbotschaft kam vom Migrationsamt. Mit seiner Aufenthaltsbewilligung muss er eine Arbeit innerhalb der Kantonsgrenze antreten.

«Manchmal bin ich müde»

Wie so oft stösst der Flüchtling an Grenzen. Er wünscht sich, dass auch für ihn irgendwann alle Möglichkeiten offenstehen. «Ich will ein Mensch sein wie alle anderen auch». Sich etwas aufbauen und selbstständig sein. Deshalb sucht er auch nach einer 100-Prozent-Stelle, obwohl er im Seniorenzentrum Eggersriet hätte bleiben können, im 50-Prozent-Pensum. Für eine Aufenthaltsbewilligung B aber braucht er eine Vollzeitstelle.

«Ich gebe nicht auf, ich suche weiter», sagt er. Das zeichne ihn denn auch aus, dass er stets versuche, positiv zu bleiben. Dennoch: «Manchmal bin ich müde.» Wie eine dunkle Wolke schiebt sich die Vergangenheit in sein Bewusstsein. Und all das, was noch vor ihm liegt. Dann, sagt er, rufe er sich seine «Kraftworte» in Erinnerung, die er sich auf einem Zettel an die Zimmertür geheftet hat: «Getragen vom Wind erreiche ich mein Ziel.» Darüber schwingt sich ein Adler, sein Lieblingstier, in die Luft.

Das Ziel, das er erreichen will, ist noch immer das gleiche: Als Koch, «dem schönsten Beruf», zu arbeiten. Mit Kochen könne man Freude weitergeben. Nun, da er nicht ins Bündnerland zieht, will er weiter bei Familie Frischknecht wohnen. «So lange sie mich haben wollen.» Allein sein, das kann sich Tahir Ibrahimi nicht mehr vorstellen. «Für mich alleine brauche ich gar nicht zu leben», sagt er. Irgendwann wünscht er sich eine eigene Familie. Frau, Kinder und Enkelkinder, die er bekochen und denen er seine Erlebnisse weitererzählen kann. «Ein ganzes Haus voller Geschichten» habe er zu erzählen, sagte er bereits vor drei Jahren. Mittlerweile ist es wohl zu einem Anwesen angewachsen.