INTEGRATION: «Ich bin jung und will arbeiten»

Das Ausbildungszentrum Altenrhein stellt zum ersten Mal einen Flüchtling als Lernenden an. Der Syrer Sleiman Ali hat im Eignungstest überzeugt. Im Betrieb hielt sich die Begeisterung anfangs in Grenzen.

Lisa Wickart
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Sleiman Ali aus Syrien absolviert zurzeit noch ein Praktikum als Produktionsmechaniker. (Bild: Lisa Wickart)

Sleiman Ali aus Syrien absolviert zurzeit noch ein Praktikum als Produktionsmechaniker. (Bild: Lisa Wickart)

Lisa Wickart

lisa.wickart@tagblatt.ch

Sleiman Ali steht vor seiner Werkbank und schweisst ein Metallstück. Der Flüchtling aus Syrien absolviert zurzeit ein Praktikum bei der Firma Schlegel in Goldach. «Ich bin jung und ich will arbeiten», sagt der 21-Jährige. Eine Lehre ist sein Traum. Und dieser erfüllt sich nun: Als erster Flüchtling kann Sleiman bei der AZA Ausbildungszentren AG in Altenrhein eine Lehre als Produktionsmechaniker anfangen.

Geschäftsführer Remo Stauffacher lobt dessen Einsatz: «Sleiman hat seit Anfang Praktikum grosse Fortschritte gemacht.» Er ist es, der das Flüchtlingsprojekt vor einem Jahr ins Leben gerufen hat. Die Idee dahinter sei zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Den Lehrlingsmangel und arbeitslose Flüchtlinge. Im Betrieb sei besonders die Nachfrage nach Produktionsmechanikern gering. «Diese Leute sind hier und sitzen ohne Aufgabe herum», sagt er. Es gebe viel ungenutztes Potenzial. So kam Stauffacher auf die Idee, Flüchtlinge zu prüfen. Er nahm dafür Kontakt mit einem Asylheim auf. Hier empfahl man ihm sogleich einen ersten Kandidaten. Nach kurzer Zeit kam der Rückschlag: Der junge Mann entwickelte sich im Praktikum schulisch und sprachlich nicht so wie gewünscht. «Wir mussten abbrechen.»

Erfolgreicher Eignungstest

Durch persönliche Kontakte beim gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrum St. Gallen kam Stauffacher zum zweiten Kandidaten Sleiman. «Ich habe der Lehrerin gesagt, sie solle mir ihren besten Schüler schicken.» Der anerkannte Flüchtling musste sich darauf einem Eignungstest stellen. Seine Ergebnisse beeindruckten Remo Stauffacher: «Sleiman hat im Test besser abgeschlossen als andere, die hier aufgewachsen sind.» Er konnte mit einem dreimonatigen Praktikum anfangen. Dieses wurde auf weitere drei Monate verlängert. Er habe sich geschickt angestellt. «Bereits in Syrien habe ich im handwerklichen Bereich gearbeitet», sagt Sleiman. Auch dort habe er geschweisst. Nur hier müsse man viel genauer arbeiten, auf den Millimeter genau.

In seiner Heimatstadt Qamischli im Norden des Landes konnte er nie eine Lehre absolvieren: «Nach der neunten Klasse wollte ich weiter in die Schule und eine Ausbildung machen. Aber dann musste ich vom Krieg flüchten.» So floh er vor drei Jahren in die Schweiz. Seine Familie musste er zurücklassen. Diese lebe mittlerweile in der Türkei. Zu Anfang sei das Einleben in der fremden Kultur schwierig gewesen. Sleiman musste zuerst ein halbes Jahr auf die Aufenthaltsbewilligung warten, dann weitere sechs Monate, bis er in die Schule gehen durfte. Nach einem Jahr und drei Monaten Deutschunterricht spricht er nun sehr verständlich. Nur Mundart falle ihm noch schwer: «Schweizerdeutsch ist wie eine andere Sprache.» In der Region sei das Ausbildungszentrum Altenrhein der einzige Betrieb mit solch einem Flüchtlingsprojekt. «Uns ist es wichtig, dass wir den Flüchtlingen nicht nur eine kurzfristige Arbeitsmöglichkeit bieten, sondern auch eine Chance für die Zukunft», sagt Stauffacher. Er spricht damit das Problem an, dass Flüchtlinge in manchen Betrieben während eines Praktikums als kostenlose Arbeitskraft ausgenutzt werden. Stauffacher will das Projekt jedoch nicht stark ausbauen: «Wir haben gar nicht so viele Lehrstellen als Produktionsmechaniker, um jährlich zehn Flüchtlinge einzustellen.» Diese Lehrstelle habe er ausgesucht, da sie schulisch weniger von den Lernenden verlange als die anderen Lehrstellen im Betrieb. Die AZA Ausbildungszentren AG prüfe bereits für nächstes Jahr weitere potenzielle Lehrlinge.

Hohe Sozialhilfekosten vermeiden

Zu Anfang habe sich im Betrieb die Begeisterung in Grenzen gehalten. Die Frage sei aufgekommen, ob man Flüchtlinge unterstützen sollte oder ob so nicht noch mehr kommen würden. Remo Stauffacher musste Sensibilisierungsarbeit leisten. Er konnte die Kritiker überzeugen: «Wenn wir die anerkannten Flüchtige nicht integrieren, müssen wir sie finanzieren.» Die Mitarbeiter hätten schliesslich positiv auf den neuen Lernenden reagiert. «Es ist nicht so, dass er der einzige Ausländer hier wäre», sagt Stauffacher. In der Industrie gebe es viele verschiedene Kulturen. Sleiman ist froh, nicht von der Sozialhilfe abhängig zu sein. «Durch die Arbeit bin ich frei und habe mein eigenes Geld», sagt er. Eine gute Zukunft könne man sich nur durch einen Beruf aufbauen.