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In zwei Welten daheim

Jahrelang führte Vicente Molina eine Metzgerei, zuletzt in Engelburg. Aus gesundheitlichen Gründen wanderte er 2009 nach Kuba aus. Daheim fühlt er sich an beiden Orten. Aber in Kuba ist es ihm wohler, weil Materielles weniger zählt.
Corinne Allenspach
Vicente Molina zu Besuch in St. Gallen: «Ich denke wie ein Kubaner und gebe nicht mehr viel aufs Materielle.» (Bild: Ralph Ribi)

Vicente Molina zu Besuch in St. Gallen: «Ich denke wie ein Kubaner und gebe nicht mehr viel aufs Materielle.» (Bild: Ralph Ribi)

Frankreich, Deutschland, Kanada, Australien, die USA: Es gibt viele Länder, in die manch ein Schweizer gerne auswandern würde. Aber Kuba? Von der direkten Demokratie in einen kommunistischen Staat? Vicente Molina lacht. Er wäre auch nie auf die Idee gekommen, wäre seine damalige Frau nicht Kubanerin gewesen. Und doch sagt er jetzt, Jahre später: «In Kuba bin ich schon am richtigen Ort. Ich kann von ganzem Herzen sagen, dass ich meinen Traum lebe.»

In den Ferien verliebt

Es war 2003, als der spanisch-schweizerische Doppelbürger die Engelburger Dorfmetzg übernahm. Vorher hatte er bereits jahrelang die ehemalige Metzgerei Sackmann im St. Galler Krontal geführt. 2004 machte er erstmals Ferien in Kuba – und lernte seine zweite Frau kennen. In der 300 000-Einwohner-Stadt Camagüey, gut 500 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Havanna. Ein Jahr später heirateten sie, Molinas Frau und ihr Sohn zogen nach Engelburg. Das Geschäft lief gut. Vinc, wie er von allen genannt wurde, wuchs den Engelburgern ans Herz und sie ihm. Alles schien perfekt, wäre da nicht der nervöse Magen gewesen, der den sensiblen Metzger, der schlecht Nein sagen kann, zusehends plagte. «Der Arzt riet mir, es ruhiger zu nehmen.»

Gesagt, getan, krempelte Molina sein Leben komplett um. Obwohl ihm als Gefühlsmensch der Abschied aus Engelburg schwer fiel, wanderte er im Sommer 2009 nach Kuba aus. Rückblickend hatte er es sich einfacher vorgestellt, dort Fuss zu fassen. «Ich habe nicht kommunistisch genug gedacht», sagt er.

Jedes Jahr am Olma-Stand

Offiziell hat es nie jemand gesagt. Aber der 55-Jährige ist überzeugt, dass sein Vorgehen beim Staat nicht gut ankam. Schweine züchten, das war Molinas Traum. Weil er nicht alles Baumaterial legal kaufen konnte für einen artgerechten Stall, besorgte er einzelne Teile über Dritte. Die Folge: Molina erhielt keine Zuchtbewilligung. Zudem erteilte ihm der Staat erst 2014 die Aufenthaltsbewilligung. Bis dahin musste er Kuba immer wieder verlassen.

Für Molina kein Problem. Seit 2009 hilft er jedes Jahr mindestens zwei Monate in der Metzgerei Schär in St. Fiden aus. Meist zur Olma-Zeit, aktuell ist er bis Mitte April hier. Es sei immer schön zu spüren, dass ihn viele Stammkunden vermissen, sagt er. Speziell freut er sich auch, seine zwei erwachsenen Kinder aus erster Ehe zu sehen. Bei Sohn Luca und dessen Freundin wohnt er jeweils, wenn er in St. Gallen ist. Erst im Dezember reisten die beiden nach Kuba – und waren begeistert von der Herzlichkeit in seinem Dorf: «Die Leute haben nichts und geben viel», sagt Luca Molina. Beim 27-Jährigen schwingt Bewunderung mit, wenn er sagt: «Ich könnte nicht so bescheiden leben wie mein Vater.» Seinem Haus sehe man gar nicht an, dass es einem Schweizer gehöre, weil jeglicher Luxus fehle. Dafür spüre man, dass sein Vater voll integriert sei. «Alle haben ihn gern, weil er einer von ihnen ist.» Sich nicht als etwas Besseres zu fühlen und möglichst zu leben wie die Kubaner, das war stets Molinas Ziel. Trotzdem werde er nie ein Kubaner sein: «Ich musste nicht das durchmachen, was sie durchmachen mussten.» Vielmehr habe er als Schweizer das Glück, mit dem, was er bei Schär verdiene, den Rest des Jahres gut leben zu können. «In Kuba ist es fast am besten, wenn man nichts macht. Der Staat sieht es nicht gern, wenn du besser bist als er.»

Mehr Zeit, mehr Lebensqualität

So gewöhnungsbedürftig für ihn das Staatssystem war, so sehr mag er die herzlichen Menschen. «Je mehr ich mit ihnen zu tun habe, desto mehr Wärme erfahre ich.» Er fühle sich in beiden Welten daheim. Aber in Kuba ist es ihm wohler, weil das Materielle weniger zentral ist. Dafür habe er weniger Stress, mehr Zeit und damit mehr Lebensqualität. Mit der westlichen Wegwerfmentalität hat er heute genauso Mühe wie damit, dass bereits im Februar Osterhasen in den Läden stehen. «Es geht nur um Umsatz, Umsatz. Und immer mehr und mehr.»

Zwar gebe auch er viel Geld aus, räumt er ein. «Aber nicht für mich, für andere.» Kürzlich hat er wieder einem Kubaner einen Kredit gegeben für einen Traktor. Und vor wenigen Tagen kaufte er in St. Gallen eine Brille für ein Mädchen. Als nächstes will er ein altes Velo besorgen, damit eine Ärztin rascher bei ihren Patienten ist, und einen kaputten Laptop zum Flicken für einen Informatikstudenten. «Die Kubaner sind wunderbare Menschen», sagt Molina. «Aber sie bekommen keine Chance, haben keinen <Götti>, keine Bank, die hilft.»

Wieder steht Neuanfang bevor

Nachdem die Schweinezucht nicht möglich war, kaufte Molina 2009 im Namen seiner Frau eine Finca, wo er Schafe, Hühner, Sauen und Pferde für den Eigengebrauch hielt. Täglich stand er um fünf Uhr auf und versorgte seine Tiere. 2015 aber ging die Ehe in die Brüche. «Meine Frau machte den umgekehrten Weg wie ich», sagt Molina ohne Schuldzuweisung. «Sie kam mit nichts und wurde am Schluss besitzergreifend.» Die Finca und alles ging an seine Frau, Molina lebt seit kurzem allein. In Kuba bleiben will er auf jeden Fall, Sorgen über die Zukunft macht er sich keine. «Dank dessen, dass mir alles genommen wurde, kann ich nun wieder etwas Neues aufbauen.»

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