In Russland das Leben verloren

Soldaten und Offiziere aus unserer Gegend waren dabei, als vor genau 200 Jahren – vom 27. bis 29. November 1812 – Schweizer Söldner beim Rückzug von Napoleons Armee aus Russland eine Brücke über den Fluss Beresina verteidigten.

Otmar Elsener
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Die Schweizerregimenter kämpften und starben vor 200 Jahren, als sie der flüchtenden Armee von Napoleon Beresina-Brücken sicherten. (Bild: Gemälde von Burkhard Mangold aus «Treue & Ehre» von P. de Valliere)

Die Schweizerregimenter kämpften und starben vor 200 Jahren, als sie der flüchtenden Armee von Napoleon Beresina-Brücken sicherten. (Bild: Gemälde von Burkhard Mangold aus «Treue & Ehre» von P. de Valliere)

RORSCHACH. «Mutig, mutig, liebe Brüder…»: Das Beresinalied erinnert an das Schicksal von Schweizern, die in Napoleons Russland-Feldzug in Schnee und Eis unter dem Ansturm der russischen Kosaken weit entfernt von ihrer Heimat ihr Leben verloren. In der Grande Armée befanden sich auch junge Männer aus unserer Gegend. Sie waren meistens zum Dienst in Napoleons Armee gezwungen worden oder den Handgeld-Verlockungen der Anwerber erlegen. Im gewaltigsten je in Europa aufgestellten Heer von 680 000 Mann und 176 000 Pferden, mit denen der Franzosenkaiser Napoleon im Juni 1812 siegessicher gegen Russland zog, befanden sich vier Schweizerregimenter. Unter den total 7264 «roten Schweizern», so genannt, weil alle rote Waffenröcke trugen, marschierten auch einige hundert St. Galler Soldaten und Offiziere.

Nicht nur Freiwillige

Die Eidgenossenschaft war von Napoleon 1803 verpflichtet worden, jährlich 16 000 Mann, später nur noch 12 000, in den französischen Dienst zu stellen. Doch die Abneigung gegen französischen Militärdienst war gross. Genug Freiwillige aufzubringen machte den Kantonen stets Mühe, so dass Napoleon mit zwangsweiser Aushebung, ja mit der Verschmelzung der Eidgenossenschaft mit Frankreich drohte. Verzweifelt begannen die Kantone sogar «Insassen aus Gefängnissen, übelbeleumdete Individuen» oder Leute mit kleinen Vergehen zum Dienst zu verurteilen, um den «Herrscher über fast alle Länder Europas» zufriedenzustellen.

Aus dem Kreis Rorschach

Dass einige dieser Soldaten auch aus unserer Gegend stammten, liest sich in den Rekrutenverzeichnissen im Staatsarchiv St. Gallen. In den Dokumenten der Jahre vor dem Russland-Feldzug finden sich Namen wie Frommenwiler, Buob, Dudler, Dornbierer, Herzog, Bärlocher, Rutz, Bischof, die auf Bürger unserer Gegend am See hinweisen. Der Kreis Rorschach hatte jährlich dreizehn Rekruten zu stellen. Auch hier wird man straffällige oder arbeitsscheue Leute zum Dienst gezwungen haben, wenn man bei der Aushebung zu wenig Freiwillige fand. Wer sich aber freiwillig meldete, stammte wohl aus sehr armen Verhältnissen oder wollte aus Abenteuerlust oder irgendwelchem persönlichem Schicksal sein Leben verändern. So wie 120 Jahre später viele Schweizer den Weg in die französische Fremdenlegion einschlugen.

Offiziere aus Rorschach

Im französischen Dienst standen mehrere Offiziere und Soldaten aus Rorschach. Sie wurden mit ihren Regimentern von den Revolutionären 1792, nach der Hinrichtung des Königs, schimpflich entlassen. Viele dieser nun arbeitslosen Offiziere waren königstreu und nicht bereit, in die Dienste von Napoleon zu treten. Beispielsweise die Brüder Johann Baptist und Jakob Anton, die im Keebach'schen Haus, später Kolonialwaren Buob, wohnten und adlige Flüchtlinge aus Paris empfingen. Oder andere Rorschacher wie Heinrich von Salis, der 1792 mit der Schweizergarde in Paris gekämpft hatte. Offiziere hingegen, welche die Ideen der Französischen Revolution begrüsst hatten, traten in die Dienste Napoleons. So aus Rorschacher Familien Hauptmann Peter Anton Danielis, Joseph Sartori und Unterleutnant Rudolf Gugger. Von Sartori und Gugger wissen wir, dass sie am Russland-Feldzug teilgenommen haben. In der «Geschichte der Stadt Rorschach» schreibt Franz Willi: «Joseph Sartori, Major im 4. Regiment, stand mit den roten Schweizern an der winterlichen Beresina.»

Wie es Napoleons Invasionsheer in Russland erging, ist in vielen Büchern geschildert: Es kehrten nur noch 40 000 Mann zurück, viele verwundet oder mit erfrorenen Gliedern. Von den vier Schweizerregimentern blieben 400 Mann am Leben.

Der Tod in Russland

Stiftsarchivar Paul Stärkle schildert in einem Bericht über fürstlich-st. gallische Truppen in fremden Diensten: «Der russische Feldzug des Korsen kostete Josef Anton Frommenwiler (vermutlich aus dem Rorschacherberg) das Leben.» Im Rorschacher Totenbuch von 1812 finden sich keine Einträge von Rorschachern, die in Russland umgekommen sind. Doch unter den Hunderttausenden von Toten waren sicher einige aus unserer Gegend – erschossen, erschlagen, erfroren oder verhungert. Die Kunde von ihnen, ob tot, vermisst, verschollen, gefangengenommen oder wie und wo sie starben, kam vielleicht nie hier an. Sie blieben namenlos. Die Namen der toten schweizerischen Offiziere sind hingegen in den Geschichtsbüchern festgehalten.

130 Jahre später, im Zweiten Weltkrieg, starben Hunderttausende von Menschen in der Weite und Kälte von Russland, Opfer der verbrecherischen Diktatur von Adolf Hitler, einem Despoten wie Napoleon. Unter den Toten befanden sich deutsche Bürger, die bei Kriegsbeginn in Rorschach wohnten und sich entweder freiwillig zum Dienste in der SS gemeldet hatten oder zum Eintritt in die Wehrmacht gezwungen worden waren. Die Geschichte wiederholte sich.

Quellen: Rorschacher Neujahrs- blätter, Staatsarchiv, F. Willi: Geschichte der Stadt Rorschach, A. Maag: Schicksale der Schweizer- regimenter

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