In Kälte allein um den See rudern

Brigitte Kaufmann, Gemeindeammann von Uttwil, rudert im kältesten Winter seit langem um den Bodensee – im Skiff, bei dessen Anblick vielen schwindlig wird. Die bangsten Momente durchlebt sie von der Rheinmündung bis Altenrhein.

Alois Degenhardt
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Den lange gehegten Traum erfüllt: Brigitte Kaufmann auf ihrer Ruderfahrt rund um den winterlichen Bodensee. (Bild: pd)

Den lange gehegten Traum erfüllt: Brigitte Kaufmann auf ihrer Ruderfahrt rund um den winterlichen Bodensee. (Bild: pd)

BODENSEE. Es sei ein lange gehegter Traum gewesen, erzählt die sonst so nüchterne Politikerin und Businessfrau nach dem bestandenen Abenteuer fast schwärmerisch.

Der Entschluss, die Fahrt im Januar zu wagen, stand fest. Fachliche Hilfe war organisiert: ETH-Professorin Ulrike und ihr Institut waren für die Wetterprognose zuständig, Ruderkollege David versuchte ihre Begeisterung im Rahmen zu halten und Seefischer-Präsident Rolf Züllig stellte sich im Begleitboot für die Überquerung der Konstanzer Bucht und des Überlinger Sees zur Verfügung.

Das Fürchten gelernt

«Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, was es heisst, sich zu fürchten», erinnert sich die Seefahrerin, die ihr Boot nach Amundsens Schiff für die Expedition zum Südpol «Fram» getauft hatte. In der Mitte des Sees überkam sie die Angst vor dem Kentern, die Angst, die Nerven zu verlieren. Nicht ganz ohne Grund, denn entgegen der Prognose frischte der Westwind so kräftig auf, dass Brigitte Kaufmann in Meersburg die erste Tagesetappe abbrechen musste.

Doch alle ihre Träume vom winterlich-einsamen und spiegelglatten Bodensee erfüllten sich am zweiten Tag.

Verblüffender Anblick

Auch wenn schliesslich starker Schneefall einsetzte und die Etappe in Kressbronn statt in Lindau zu Ende ging.

Eingepackt in Trockenanzug, Schwimmweste und Neoprenkappe kam die einsame Ruderin den wenigen Menschen, denen sie begegnete, doch etwas merkwürdig vor.

«Ein Bauarbeiter in der Schachener Bucht war zunächst verblüfft, half mir dann aber bereitwillig mit Isolierband aus», berichtet Brigitte Kaufmann amüsiert.

Seepolizei wurde misstrauisch

«Und dann tauchte die deutsche Seepolizei auf und behielt mich die längste Zeit im Auge.»

Was ihr nicht unrecht war, denn jetzt nahte die schwierige Überquerung der Rheinmündung, vor der sie mehrfach gewarnt worden war.

Und jetzt passierte, was sie insgeheim gefürchtet hatte: «Ich erreichte die Westseite der Rheinmündung und wollte schon in Jubel ausbrechen, als mein Boot auf eine dicke Eisschicht auffuhr. Mit dem Ruder konnte ich sie nicht aufschlagen, jeden Moment konnte ich kentern.»

Irgendwie kam sie dann doch wieder frei; ein Hobbyfischer erkannte die brenzlige Situation und betätigte sich als Eisbrecher, der ihr den Weg zurück in die Heimat frei machte.

Ihre Kräfte hatte die Alleinruderin an diesem Tag aber eindeutig überschätzt: «Als ich auf Höhe Altenrhein eine Pause einlegen wollte, war ich am Ende meiner Kräfte; den warmen Tee habe ich verschüttet, der Energieriegel fiel ins Wasser.»

Keine Zeit zum Jubeln

«Acht Stunden war ich an diesem Tag unterwegs gewesen. Als ich im Rietli ankam, fehlte mir die Kraft zum Jubeln.»

Die Blasen, erinnert sie sich, waren schnell vergessen. Bleiben wird Brigitte Kaufmann vermutlich eine Narbe am Hals vom Trockenanzug. Bleiben aber wird ihr auch die Genugtuung, die Seeumrundung trotz widriger Bedingungen geschafft zu haben, und viel Dankbarkeit für ein Helferteam, ohne das sie ihre Expedition nicht hätte bestehen können.

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