In der Stube statt im Bunker

Immer mehr Privatpersonen in der Stadt erklären sich bereit, ein freies Zimmer oder eine leere Wohnung für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen. Doch das ist gar nicht so einfach.

Roger Berhalter
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Anerkannte Flüchtlinge in der Asylunterkunft im Riethüsli, die der Kanton neu in Betrieb genommen hat. (Bild: Michel Canonica)

Anerkannte Flüchtlinge in der Asylunterkunft im Riethüsli, die der Kanton neu in Betrieb genommen hat. (Bild: Michel Canonica)

Flüchtlinge brauchen ein Dach über dem Kopf, darin sind sich alle einig. Aber wie diese Unterkunft aussehen und wo sie stehen soll, darüber gehen die Meinungen auseinander. Während der Kanton soeben ein Asylzentrum im Riethüsli in Betrieb genommen hat, schalten sich auch immer mehr Privatpersonen ein und bieten Hilfe an. «Wie wäre es denn, wenn wir alle einen Flüchtling bei uns zu Hause aufnehmen würden? Das wäre doch ein Zeichen. Ein Zeichen der Solidarität», schrieb zum Beispiel SP-Stadtparlamentarierin Alexandra Akeret kürzlich auf Facebook und in einem Leserbrief in dieser Zeitung.

Private Ressourcen vorhanden

Als sie in einer deutschen Zeitung von einem Berliner Paar las, das eine junge Kenianerin und deren Tochter bei sich zu Hause aufgenommen hatte, beschloss sie aktiv zu werden. Akeret fragte bei der Stadtverwaltung nach, ob und wie sie das Gästezimmer in ihrer Wohnung für Flüchtlinge zur Verfügung stellen könne. «Es wären viele private Ressourcen vorhanden.» Doch mittlerweile zieht sie ein ernüchtertes Fazit: «Es ist nicht so einfach.»

Komplexe Zuständigkeiten

Akeret ist nicht die einzige Privatperson in der Stadt, die Flüchtlinge einquartieren möchte. «Wir bekommen immer wieder solche Anfragen», sagt Andrea Weibel, Leiterin der Abteilung Integration und Migration bei den Sozialen Diensten der Stadt. Aufgrund der «dramatisch geschilderten Situation in den Medien» seien die Anfragen zahlreicher geworden. Doch auch Weibel sagt, nach einer Lösung befragt: «Es ist nicht so einfach.»

Erstens seien die Zuständigkeiten im Flüchtlingswesen komplex. Zuerst kommen Flüchtlinge in die grossen Bundeszentren, anschliessend verteilt der Bund sie auf die Kantone, und im Kanton St. Gallen übernimmt danach die Vereinigung der Gemeindepräsidentinnen und -präsidenten die Verteilung auf die Gemeinden.

Zweitens gehe es nicht nur um das Dach über dem Kopf, sondern auch um die Betreuung der Flüchtlinge. «Es stellen sich viele Folgefragen. Wir müssen uns genau überlegen, wie die möglichen Spannungsfelder gelöst werden können», sagt Weibel.

Es braucht ein Gesamtkonzept

Drittens seien die Verhältnisse in der Stadt anders als etwa in einer kleinen Landgemeinde. «Hier geht es nicht um Einzelfälle, sondern um relativ viele Menschen.» Deshalb brauche es jetzt ein Gesamtkonzept. «Wir sind daran, das Thema Unterkunft und Betreuung der Flüchtlinge gesamthaft zu klären, die private Unterkunft ist Bestandteil dieser Überlegungen.» Weibel betont aber auch: «Bis jetzt hatten wir immer genug Wohnraum für Flüchtlinge.»

Dranbleiben und nachfragen

Alexandra Akeret will weiterhin «dranbleiben und nachfragen», um bei sich zu Hause Flüchtlinge aufzunehmen. Auch bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe hat sie schon angeklopft (siehe Zweittext). Sie ist überzeugt: «Ich bin nicht die einzige, die das umtreibt.»

Alexandra Akeret Stadtparlamentarierin SP (Bild: Roger Berhalter)

Alexandra Akeret Stadtparlamentarierin SP (Bild: Roger Berhalter)