In der Anonymität der Zentren

Die Sozialhilfequote ist in Städten und Gemeinden mit Zentrumsfunktion tendenziell höher als anderswo. Auf St. Gallen, Wil und Rorschach trifft das zu, nicht aber auf Rapperswil-Jona und Gossau. Hier spielen andere Faktoren eine Rolle.

Marion Loher
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ST. GALLEN. Je mehr Einwohner eine Stadt oder eine Gemeinde zählt, desto höher ist ihre Sozialhilfequote. Dies könnte man allgemein annehmen. Dass es aber nicht so einfach ist, zeigt die neueste Auswertung der Fachstelle für Statistik des Kantons St. Gallen. Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2013. Unter den acht Gemeinden, die eine hohe Sozialhilfequote von über 3 Prozent aufweisen, finden sich lediglich zwei der vier einwohnermässig grössten Städte im Kanton. Es sind dies St. Gallen und Wil. Die Kantonshauptstadt verzeichnet mit 4,3 Prozent die höchste Sozialhilfequote, Wil liegt mit 3,7 Prozent an fünfter Stelle. Von diesen Quoten sind Rapperswil-Jona und Gossau, die beiden anderen grossen Städte im Kanton, weit entfernt. In der Stadt am Zürichsee sind nur 1,8 Prozent der Bevölkerung auf Sozialhilfe angewiesen, in Gossau 1,5 Prozent. Der kantonale Durchschnitt liegt bei 2,2 Prozent.

Von vielen Faktoren beeinflusst

«Die Bevölkerungszahl allein ist eben nicht der ausschlaggebende Grund für die Sozialhilfequote», sagt Theo Hutter, Leiter der kantonalen Fachstelle für Statistik. «Sie wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst, wesentlich durch die Zusammensetzung der Bevölkerung und deren Ressourcenpotenzial wie Vermögen oder Ausbildung sowie durch die Verfügbarkeit von Wohnraum und Arbeitsplätzen.» Grundsätzlich sei aber schon zu beobachten: Je grösser und anonymer eine Stadt oder Gemeinde sei, desto höher sei tendenziell die Sozialhilfequote, sagt Hutter. «Insbesondere Gemeinden mit Zentrumsfunktion weisen eine überdurchschnittliche Sozialhilfequote auf.»

Weshalb aber ist in Rapperswil-Jona und in Gossau die Quote derart tief? Was Gossau betrifft, sagt dessen Stadtpräsident Alex Brühwiler: «Zum einen sicherlich wegen unserer Nähe zu St. Gallen.» Denn es seien vor allem die Zentren, die wegen ihrer Grösse und Anonymität die Lasten der Sozialhilfe zu tragen hätten. «Zum anderen kann es auch mit der Arbeitslosenzahl und den Immobilien zu tun haben.» In Gossau liegt die Arbeitslosenquote seit Jahren unter dem Kantonsdurchschnitt, das Preisniveau der Immobilien bewegt sich im kantonalen Mittelwert. Dennoch, so Brühwiler, seien Wohnungen in Gossau nicht für jeden erschwinglich.

Hohe Wohnungsmieten

Zu Rapperswil-Jona sagt Stadtpräsident Erich Zoller: «Unsere vergleichsweise tiefe Sozialhilfequote dürfte hauptsächlich mit den hohen Mieten in unserer Stadt zu erklären sein.» Für Theo Hutter gibt es in bezug auf Rapperswil-Jona noch weitere Gründe: Die Nähe zur Stadt Zürich sowie ein «relativ gehobenes Ressourcenniveau». Die Bevölkerung von Rapperswil-Jona habe beispielsweise eine 50 Prozent höhere Steuerkraft als Uznach, sagt Hutter. In Uznach, das geographisch durch Schmerikon von Rapperswil-Jona getrennt ist, sind 4,1 Prozent der 6200 Einwohner auf Sozialhilfe angewiesen. Die Gemeinde liegt damit im innerkantonalen Vergleich an dritter Stelle. Wie Gemeindepräsident Erwin Camenisch sagt, nimmt Uznach in der Linthregion die Funktion einer Zentrumsgemeinde wahr.

Viele Ausländer

Das Zentrum am Bodensee ist Rorschach. Mit 4,2 Prozent verzeichnet die Stadt mit ihren rund 9000 Einwohnern die zweithöchste Sozialhilfequote im Kanton. Dies liegt laut Stadtpräsident Thomas Müller einerseits an der Zusammensetzung der Bevölkerung. «Wir haben mit etwa 45 Prozent einen sehr hohen Anteil an Ausländern.» Oft seien sie es, die keine Arbeit fänden und ausgesteuert würden, so Müller. Anderseits gebe es in Rorschach ein grosses Angebot an altem Wohnraum. Sowohl Müller als auch Gossaus Stadtpräsident vermuten, dass dies auch die Gründe sind, weshalb Rorschach eine viel höhere Sozialhilfequote aufweist als Gossau, das zwar doppelt so viele Einwohner zählt, aber ähnlich nah bei St. Gallen liegt wie Rorschach.

Das Handicap von Degersheim

Zu den acht Gemeinden, die eine Sozialhilfequote von über 3 Prozent haben, gehört auch Degersheim (3,9 Prozent). Die Präsidentin der 3900-Seelen-Gemeinde, Monika Scherrer, sagt: «Hauptgrund ist wohl der günstige Wohnraum. Bei uns gibt es viele Altbauwohnungen.» Diese Liegenschaften könnten aber nicht einfach zu teurem Wohnraum umgebaut werden. «Im Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz ist Degersheim als von nationaler Bedeutung eingestuft», erklärt Scherrer. «Das heisst, die bezeichneten Ortsbilder sind in ihrem Erscheinungsbild zu erhalten.» Diese restriktiven Vorschriften würden dem Gedanken der Verdichtung widersprechen und Liegenschaftseigentümer daran hindern, in Degersheim zu investieren.

www.statistik.sg.ch

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