In den Highlands hat's ihn gepackt

Eigentlich sollten die Ferien einfach helfen, nach der Rekrutenschule zu entspannen. Doch dann veränderte die erste Reise nach Schottland Martin Tschirrens ganzes Leben. Längst dreht sich alles um Appowila und die Highland Games.

Corinne Allenspach
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Appowila-Präsident Martin Tschirren auf dem Festplatz, wo morgen die vierten Highland Games starten. «Unsere Leidenschaft mit Tausenden Schottlandfans teilen zu dürfen, schweisst unseren Verein zusammen.» (Bild: Ralph Ribi)

Appowila-Präsident Martin Tschirren auf dem Festplatz, wo morgen die vierten Highland Games starten. «Unsere Leidenschaft mit Tausenden Schottlandfans teilen zu dürfen, schweisst unseren Verein zusammen.» (Bild: Ralph Ribi)

ABTWIL. Er weiss es jetzt schon. Übermorgen Samstag wird es ihn wieder übermannen. Wird er vor lauter Freude die Tränen nicht zurückhalten können. Denn auf diesen Moment wartet Martin Tschirren seit zwei Jahren sehnlichst. Auf den Schottlandumzug zum Auftakt der vierten Appowila Highland Games in Abtwil. Mit Dutzenden Highlandern, Dudelsackspielern, viel Publikum und den rund 140 Mitgliedern des Vereins Appowila. 16 000 Tageseintritte wurden an den letzten Games vor zwei Jahren verkauft. Heuer rechnen die Organisatoren mit ähnlichen Zahlen. «Miteinander so etwas Grosses zu erschaffen, erfüllt alle mit Stolz», sagt der Appowila-Präsident. «Nicht nur mich.» Dabei rümpfte er einst die Nase, wenn jemand das Wort Schottland nur schon erwähnte.

Dasitzen und einfach staunen

Martin Tschirren war 19, hatte die RS gerade hinter sich. Zusammen mit einem Kollegen wollte er «mal richtig in die Ferien, um all den Frust loszulassen». An Ibiza oder Mallorca dachte er. Ans Herumhängen, Partymachen, Frauen-Kennenlernen. Doch der Kollege schlug Schottland vor. Noch 20 Jahre später erinnert sich Martin Tschirren genau. «Ich fragte ihn: Was wollen wir in Schottland? Da regnet es ja immer, und die quäkenden Dudelsäcke sind auch nervig.» Doch der heute 39-Jährige liess sich überzeugen. Er flog mit seinem Kollegen nach Schottland, sie mieteten ein Auto und ein Zelt. «Und was passierte: Es hat drei Tage lang nur geregnet», sagt Tschirren und grinst. Damals war ihm allerdings nicht zum Lachen. Er habe sich mächtig aufgeregt.

Bis die beiden in die schottischen Highlands fuhren. Dort packten sie eine Flasche Whisky in den Rucksack, wanderten drei Stunden auf einen Hügel und setzten sich auf dem Gipfel hundemüde hin. «Dort hat es einen Knall gemacht», sagt Tschirren. Die Weite, die Menschenleere, die Wolkenformationen, die Landschaftsbilder, das saftige Grün. Das alles hat den Abtwiler umgehauen. Er sei den ganzen Nachmittag nur dagesessen und habe die Szenerie bestaunt: «Ich dachte: Läck, ist das ein geiles Land.»

Games werden zum Selbstläufer

Wieder daheim, begann Martin Tschirren alles aufzusaugen, was mit Schottland zu tun hat. Das Interesse an fremden Kulturen reicht weit zurück. Vier Jahre lang, bis neunjährig, lebte er mit seinen Eltern in der Elfenbeinküste, wo sein Vater Buchhalter in einem Spital war. Der kleine Martin besuchte derweilen die Schule. Als einziges weisses Kind unter 200 schwarzen. Und lernte, dass Respekt gegenüber Mitmenschen und Toleranz wichtige Werte im Zusammenleben sind. 2001 kam dann die Idee auf, am St. Gallerfest mit Kollegen eine Bar zu betreiben. Tschirren schlug vor, etwas Besonderes zu machen – eine Schottlandbar. Die neun Gaiserwalder reisten nach Schottland, gründeten einen Verein und sind seither alle unheilbar vom «Schottlandvirus» befallen. Die gemeinsame Leidenschaft wird zur treibenden Kraft, die Bar allein irgendwann zu wenig. Tschirren hat eine neue Idee: Highland Games im kleineren Rahmen. Wieder gründen sie einen Verein. Appowila, so der Name Abtwils im 12. Jahrhundert. 2009 finden die ersten Appowila Highland Games statt. Alles perfekt organisiert, wie es Tschirren wichtig ist. Welche Dimensionen das Ganze annehmen würde, hat niemand geahnt. «Wir haben mit 1500 Besuchern gerechnet», sagt er. Verkauft wurden auf Anhieb 5500 Tageseintritte. Zwei Jahre später 12 000, 2013 bereits 16 000.

Inzwischen dreht sich längst nicht nur beim Präsidenten alles um die Games. «Appowila ist mehr als ein Verein, es ist eine Lebenseinstellung», sagt Tschirren. Immer wieder höre er von Mitgliedern, die Appowila-Familie sei ein wichtiger Halt in ihrem Leben geworden. Und für den Aufbau der Games nehmen viele Ferien. Tschirren gleich zwei Wochen. «Ich gebe ja schon viel», sagt er, «aber ich erhalte auch ganz viel zurück.» Präsident sein zu dürfen in einem solchen Verein, gebe ihm beispielsweise viel Selbstvertrauen. Dieser Spirit, die spürbare Leidenschaft, ist wohl auch das Erfolgsrezept der Appowila Highland Games.

Von einer Blockhütte träumen

Zuweilen aber überbordet Tschirrens Leidenschaft. «Die Appowiler müssen mich jeweils bremsen, wenn ich wieder eine allzu abstruse Idee habe», gesteht er. Und auch seine Frau Nadja betone, er sei fanatisch. Sie und auch die zwei Kinder, der sechsjährige Timo und die vierjährige Mira, sind nur mässige Schottlandfans. Aber vermutlich sei es gut, wenn der Rest der Familie nicht so angefressen sei wie er, räumt Tschirren ein.

Trotzdem: Ideen für die Highland Games hat der gelernte Zimmermann, der seit 2003 als Grenzwächter arbeitet, noch mannigfach. Und auch Träume. Schon als Kind träumte er davon, irgendwann auszuwandern. «Ich wollte Zimmermann werden, damit ich in Alaska eine Blockhütte bauen kann.» Vielleicht, so sinniert er, mache er das jetzt halt einfach in Schottland.