In den Beizen wird Geschichte lebendig

Der Archivar Fredi Hächler ist in einer 94seitigen Broschüre dem St. Galler Restaurantwesen in den letzten 150 Jahren nachgegangen. Er listet Lokale von der «Aarche» bis zum «Zweifel» auf – und legt die enge Verknüpfung von Beizen und gesellschaftlicher Entwicklung dar.

Beda Hanimann
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Die Frage dürfte auch alteingesessene St. Galler in Verlegenheit bringen: Gibt es in der Stadt ein Restaurant Gotthard? Die Antwort heisst: Nicht mehr. Aber dann kommt man schnell vom Hundertsten ins Tausendste. Vor und nach 1900 stand an drei verschiedenen Orten ein «Gotthard», an der Lämmlisbrunnenstrasse 11, an der Rotachstrasse 13 und am Unteren Graben 20. Während die ersten zwei aber verschwunden sind, ist der Untere Graben 20 zu einer traditionellen Restaurantadresse geworden. Das Lokal hiess nacheinander «Gotthard», «Grühnthal», «Deck», «Lamm», «Churfirsten», «Bündnerhof», «Salmen» – und seit 1922 «Baratella».

Daten und Fakten zusammentragen

Die Namenstafette am Unteren Graben ist eine von Hunderten von Restaurantgeschichten, denen Fredi Hächler nachgegangen ist. Der 70jährige ehemalige Lehrer hatte sein Flair für Geschichte nach einem Praktikum in der Vadiana zum Beruf gemacht und ins Stadtarchiv gewechselt, wo er nach der Pensionierung weiter tätig ist.

«Da liegt so viel Material, ich finde es schade, wenn man das nicht zusammenfasst», sagt Hächler, der auch schon Daten über den FC oder über Häusernamen zusammengetragen hat. Als neuestes hat er eine 94seitige Broschüre über Wirtshäuser erstellt. Über sechzig Seiten nehmen darin zwei Listen ein, eine nach Namen, eine nach Adressen geordnet. Neben Hinweisen auf Namenswechsel oder Abbruch verweist eine separate Spalte auf archivierte Fotos und Textquellen, von alten Adressbüchern über das Wirtschaftspatentbuch der Stadt St. Gallen bis zu Thomas Ramsauers Dissertation «Wirtshäuser – Hinterbühne für Infra-Politik?». Denn das ist eines von Hächlers Anliegen: Menschen, die sich für die Stadtgeschichte interessieren, etwas in die Hand zu geben.

Tanzen, baden und mehr

Tatsächlich erzählen die Restaurants die Geschichte der Stadt und des gesellschaftlichen Lebens darin, wie der Textteil der Broschüre zeigt. «Eine Beiz ist und war immer eine soziale Einrichtung, eine zweite Stube», sagt Hächler. Das war früher noch unmittelbarer der Fall, wo das Vergnügungsangebot kleiner war und Restaurants oft in der privaten Stube betrieben wurden. Oft wurde diese nachträglich um einen Tanz- oder Kinosaal erweitert. Legendäre Säle waren etwa das «Uhler», das «St. Leonhard» oder das Konzerthaus Harfe, das später dem Kino Corso und dem nachmaligen «Boccalino» Platz machte.

Zahlreich waren die Restaurants in der unmittelbaren Umgebung, die zu Ausflügen einluden. Über ein Dutzend Gasthausbesitzer gliederten dem Wirtshaus auch einen Badebetrieb an. Das «Bädli» ob St. Georgen etwa soll zwanzig Badewannen enthalten haben und sich für mehrwöchige Kuren für Patienten mit Rheumatismus oder Hautausschlägen angeboten haben. Weil es im sittenstrengen St. Gallen keine Freudenhäuser im eigentlichen Sinn gab, übernahmen immer wieder auch Wirtshäuser diese Funktion. Die Behörden tolerierten das Geschäft mit der käuflichen Liebe, so lange es unauffällig genug betrieben wurde. Im andern Fall wurde auch mal ein Exempel statuiert, etwa beim «Schaugenbädli» oder dem «Maienriesli» an der Kirchgasse 7.

Von «Tirolerhof» bis «Stadt Madrid»

Doch nicht nur wegen der Prostitution hatten die Behörden stets ein wachsames Auge auf das Restaurantwesen. Vorab um 1900 grassierte der Alkoholismus, viele Restaurants waren Zellen der Kleinkriminalität – besonders verrufen waren die spanischen Weinhallen. A propos spanisch: Auch die Namensgebung wirft ein Licht auf gesellschaftliche Entwicklungen. So kamen und gingen zeit- und modebedingt Lokale mit Namen wie «Luzernerhof» oder «Aargauerstübli», «Madrid», «Barcelona» oder «Mailand» – oder gar «Oberbayern» und «Tirolerhof».

Verzweigung Linsebühlstrasse/Speicherstrasse: «Scheidweg», Spanische Weinhalle – und heute eine fensterlose Fassade. (Bilder: Peter Uhler, Tonia Bergamin)

Verzweigung Linsebühlstrasse/Speicherstrasse: «Scheidweg», Spanische Weinhalle – und heute eine fensterlose Fassade. (Bilder: Peter Uhler, Tonia Bergamin)

Brühlgasse 37: Von der «Harfe» zur geschlossenen Pizzeria. (Bilder: Vadianische Sammlung, Tonia Bergamin)

Brühlgasse 37: Von der «Harfe» zur geschlossenen Pizzeria. (Bilder: Vadianische Sammlung, Tonia Bergamin)

Fredi Hächler Archivar

Fredi Hächler Archivar

Verschwundene Ausflugs-, Bade- oder Konzertrestaurants im grünen Ring (von links): Riethäusle (1962 abgebrochen), Scheffelstein (1943 abgebrannt) und Bädli St. Georgen (1995 geschlossen). (Bilder: Rolf Wirth [2], Stadtarchiv)

Verschwundene Ausflugs-, Bade- oder Konzertrestaurants im grünen Ring (von links): Riethäusle (1962 abgebrochen), Scheffelstein (1943 abgebrannt) und Bädli St. Georgen (1995 geschlossen). (Bilder: Rolf Wirth [2], Stadtarchiv)

Legende (Bild:)

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