In ausgedienten Schätzen blättern

GOSSAU. Seit fünf Jahren nimmt das Gossauer Geschäft Buch WinWin gebrauchte Medien entgegen, rüstet sie auf und verkauft sie dann. Personen aus dem alternativen Arbeitsmarkt finden hier eine Stelle. Und so mancher Bücherwurm wird fündig.

Tim Wirth
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Edla Stuker, Buch-WinWin-Betriebsleiterin. Selbst auf einer einsamen Insel würde sie sich Bücher wünschen. (Bild: Ralph Ribi)

Edla Stuker, Buch-WinWin-Betriebsleiterin. Selbst auf einer einsamen Insel würde sie sich Bücher wünschen. (Bild: Ralph Ribi)

Im Buch WinWin wähnt man sich in einer Buchhandlung aus vergangenen Zeiten. Es ist nicht jener trendige Stil einer Buchhandlung, in der die Beleuchtung subtil konzipiert ist und wo in Kaufhaus-Manier uniforme Regale voll mit streng geordneten Büchern stehen. Auch wuseln hier nicht eine Menge Leute und Verkäufer herum. Vielmehr erinnert die Second-Hand-Buchhandlung Buch WinWin an ein grosses, gemütliches Wohnzimmer, in dem die Kunden nach Lust und Laune schmökern können – und dies schon seit fünf Jahren.

Bringen, kontrollieren, kaufen

Das Konzept ist einfach: Personen, die Bücher, DVD, Computerspiele oder CD loswerden wollen, bringen diese ins Buch WinWin. Die Mitarbeiter entscheiden, welche Medien zum Weiterverkauf geeignet sind und bringen diese dann auf Vordermann. Die Kunden haben danach die Möglichkeit, die alphabetisch und thematisch geordneten Bücher günstig zu kaufen. «Taschenbücher kosten vier, gebundene Bücher fünf Franken», sagt Edla Stuker, die seit Beginn des Ladens als Betriebsleiterin fungiert. Aktuelle Werke seien etwas teurer. «Bei der Eröffnung des Geschäfts mussten wir die Bücher auf viele Regale verteilen, damit es nach etwas aussah», sagt Edla Stuker. Heute gibt es zu viele Bücher, um alle ausstellen zu können.

Mitarbeiter sind Bücherwürme

Am Anfang hat es eine Anlaufphase gebraucht, heute kann Buch WinWin auf einen grossen Kundenstamm zählen. Das Geschäft ist auf vielen Märkten präsent, um Werbung zu machen. Zudem habe sich die Geschäftsidee dank Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitet: «Es brauchte lange, bis wir die Gossauer gewonnen hatten, aber dafür bleiben sie auch treu», sagt Edla Stuker. Letztes Jahr schrieb Buch WinWin, das von der Stiftung Tosam geleitet wird, zum ersten Mal schwarze Zahlen.

Die Mitarbeiter von Buch WinWin stammen alle aus dem alternativen Arbeitsmarkt. IV-Bezüger, vom RAV vermittelte Leute oder Sozialhilfebezüger haben hier die Chance, arbeiten zu können. «Es braucht nicht zwingend eine Ausbildung, aber die Angestellten müssen Freude am Lesen und an den Büchern haben», sagt Edla Stuker. Der 26jährige Marcel Kamm kann im Buch WinWin Erfahrung sammeln: «Ich kann hier ein Gespür für die sehr unterschiedlichen Kunden entwickeln», sagt er. Edla Stuker beschreibt sich selbst als Bücherwurm und hat lange Zeit mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Ab und an finden im Buch WinWin Märchenstunden statt; die 60jährige Betriebsleiterin selbst liest vor.

Nische, aber auch Konkurrenz

Die Stadtbibliothek Gossau wendet sich ab und zu an Buch WinWin, um vergriffene Bücher zu kaufen. «Die Leute, die Bücher ausleihen wollen, kommen zu uns. Kunden, die Bücher bringen wollen, verweisen wir an Buch WinWin», sagt Nadja Kesselring von der Stadtbibliothek Gossau. Die Gutenberg-Buchhandlung verkauft neue Bücher, sieht Buch WinWin aber trotzdem als Konkurrenz. «Besonders Leute mit einem kleinen Budget kaufen dort ein, ausserdem viel Laufkundschaft», sagt die Besitzerin Brigitta Vuilleomier Lüthi.

Elektronisch oder gedruckt?

In einem Zeitalter, in dem das gedruckte Buch an Stellenwert verliert, scheint Buch WinWin eine Nische gefunden zu haben. Die Stiftung Tosam betreibt parallel zu Buch WinWin die Webseite Buchplanet, auf der gebrauchte Bücher im Internet gehandelt werden. Laut Edla Stuker spreche die Stiftung Tosam so zwei Arten von Kunden an: «Viele Leute müssen ein Buch in der Hand haben und hineinlesen.» Das ist im Internet nicht möglich. Im Buch WinWin gibt es deshalb ein Bistro und eine Kinderecke, wo man sich Zeit nehmen kann, in den Büchern zu schmökern. Edla Stuker ist überzeugt, dass es trotz der neuen Technik immer gedruckte Bücher geben wird. Elektronisch etwas zu lesen sei halt doch nicht dasselbe.