Immer mehr Bauern geben auf

Im Kanton St. Gallen stellten vergangenes Jahr 109 Bauernhöfe den Betrieb ein. Viel Arbeit, geringer Lohn, wenig Ferien und vor allem die stetig sinkenden Produkteerlöse machen den verbliebenen 3851 Betrieben zu schaffen.

Julia Nehmiz
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Andreas Widmer (Bild: pd)

Andreas Widmer (Bild: pd)

Bilderbuchleben auf dem Bauernhof? Das gibt es nur in der Kinderliteratur. «Die Belastung für Landwirtinnen und Landwirte wird immer schlimmer», sagt Andreas Widmer, Geschäftsführer des St. Galler Bauernverbands. Das zeigen auch die Zahlen. Stellten zwischen 2001 und 2010 im Schnitt 50 Höfe pro Jahr den Betrieb ein, so wurden 2011 mehr als doppelt so viele aufgegeben.

Die Gründe sind verschieden: Da sind zum einen Landwirte, die in Pension gehen – das Land dieser meist kleineren Höfe wird gern von Nachbarbetrieben übernommen. Oder zwei Betriebe schliessen sich zu einer Betriebsgemeinschaft zusammen. Doch viele geben ihre Höfe aufgrund der Einkommenssituation auf. «Der Nebenerwerb wird zum Hauptberuf», sagt Widmer. Das passiere vor allem in wirtschaftlich guten Zeiten, gute Jobangebote gäben den Ausschlag. Man registriere eine tendenzielle Zunahme der Hobbylandwirtschaft.

2240 Stunden Arbeit für 20 Kühe

Zwei Drittel aller Bäuerinnen und Bauern gehen einem Nebenerwerb nach. Allein von der Landwirtschaft zu leben ist hart. «Als Landwirtschaftsbetrieb gilt ein Hof, für den mindestens 0,25 Standardarbeitskräfte aufgewendet werden», erklärt Widmer, «das ist die untere Grenze für einen Direktzahlungsbezug.» Eine Standardarbeitskraft (SAK) entspricht einer Jahresarbeitszeit von 2800 Stunden. Für diese 2800 Stunden erhält ein Landwirt 39 000 Franken Direktzahlungen. Für die Berechnung des SAK-Wertes eines Betriebes gibt es genaue Listen. Schwein, Kuh, Ziege oder Huhn, sämtliche Nutztiere und die gesamte landwirtschaftliche Fläche haben festgelegte SAK-Faktoren. 20 Kühe entsprechen 0,8 SAK. Zwar sei der St. Galler Durchschnittswert bei 1,86 SAK pro Betrieb – etliche Höfe lägen jedoch darunter. «Zwischen 0,25 und 1,25 SAK müssen alle noch etwas dazuverdienen», sagt Widmer. Es gebe einen Trend zu mehr Fläche pro Betrieb und somit zu grösserer Produktion. Doch dem Wachstum sind Grenzen gesetzt: «Angestellte sind nicht zu finanzieren.»

Teure Ferien auf dem Land

Das sei auch ein Grund, warum die meisten Landwirte, wenn überhaupt, nur fünf bis sieben Tage Ferien machen pro Jahr. «Wenn die Versorgung von Hof und Tieren nicht familiär gelöst werden kann, braucht es einen Betriebshelfer», erklärt Andreas Widmer. Im Krankheitsfall übernimmt diese Kosten die verbandseigene Versicherung, doch für die Ferien zahlen Landwirte selber: 200 bis 250 Franken kostet ein Betriebshelfer pro Tag. Die tiefen Einkommen bereiten dem Bauernverband Sorgen. 2011 sanken die Produkteerlöse um mehr als fünf Prozent. Auch die Zersiedelung sei ein Problem: «Es wird quasi jeden dritten Tag ein Hof überbaut», die knappe Ressource Land mache den Boden teuer.

Doch gebe niemand seinen Hof leichten Herzens auf: «Einen ruhigen Tag in der Natur kann man nicht ersetzen im Büro», sagt Widmer, der selber auf einem Hof aufwuchs. Aber der Druck durch Vorschriften sei enorm. Die Beratungsstelle des St. Galler Bauernverbandes soll ausgebaut und professionalisiert werden: «Wir bekommen pro Tag zwei bis drei Anrufe», sagt Widmer, «je früher wir von einem Problem erfahren, desto besser können wir helfen.»