Im verlängerten Wohnzimmer

Zum Glück gibt es Konflikte um den öffentlichen Raum: Das zeigt, dass wir «Kinder der Freiheit» sind. Annemarie Pieper lobt in der zweiten «Wem gehört die Stadt?»-Vorlesung die Demokratie und kritisiert den Tunnelblick.

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Der öffentliche Raum als Stube: Die Philosophin Annemarie Pieper in der Hauptpost. (Bild: Ralph Ribi)

Der öffentliche Raum als Stube: Die Philosophin Annemarie Pieper in der Hauptpost. (Bild: Ralph Ribi)

Montag, 20.15 Uhr, im Raum für Literatur in der Hauptpost. Gastgeber Nino Cozzio wuselt umher, jemand hat «Frohes Fleisch» an eine Wand gekritzelt, und auf der Bank wartet eine Frau mit elfenbeinfarbenem Haar darauf, die Frage «Wem gehört die Stadt?» zu beantworten. Dazu hat Annemarie Pieper bis genau 21.30 Uhr Zeit, denn sie muss «heute noch nach Rheinfelden», wie Stadtrat Nino Cozzio einleitend sagt. Wobei man «Weinfelden» versteht – und sich wundert. Und das natürlich auch, als Frau Pieper etwas später «Herrn Cozzi» für die Einleitung dankt.

Kannibalen statt Paradies

Nach diesen kleinen Abstimmungsschwierigkeiten geht es mit Drive und routinierter Stimme zur Sache. Annemarie Pieper ist emeritierte – das für Hochschullehrer gebräuchliche Wort für «pensioniert» – Professorin für Philosophie. Wem die Stadt gehört, die Frage der vierteiligen Vorlesungsreihe von Universität und Stadt St. Gallen mit jeweils einem Stadtrat als Gastgeber, ist für sie klar: «Ihren Bewohnern.» Wobei «Wohnen» eine Eigenheit der Menschen ist – Pflanzen und Tiere wohnen nicht, sie haben kein «Zuhause». Beim «Wohnen» gibt es neben funktionalen Teilen auch solche des Geniessens: «Wohnen, das ist Zweck plus Wohlgefühl.»

Das gilt nicht nur für die eigenen vier Wände, sondern auch für den öffentlichen Raum. Dieser ist das «verlängerte Wohnzimmer». Weil die Bewohner der Stadt aber dessen Gestaltung durch die «Brille ihrer persönlichen Interessen» – Kinderspielplätze? Parkplätze? Skatepark? – sehen, kommt es zu Konflikten. Ja: Interessenkonflikte bei der Gestaltung des öffentlichen Raums braucht es, sie sind sinnvoll. Auch wenn der Mensch sich nach einem «konfliktfreien Paradies» sehnt – diese Utopie führt, wie Annemarie Pieper in einem Rückgriff auf H. G. Wells Buch «Zeitmaschine» zeigt, zur «Gefahr des Kannibalismus». Im täglichen Leben braucht es trotzdem utopische Gedanken, denn: «Zusammenleben beginnt im Kopf, nicht im Raum.»

Einübung in Demokratie

Die Freiheit für eigene Interessen haben bedeutet eben, dass es Konflikte um den öffentlichen Raum – hier hätte man eigentlich eine Anspielung an die Markt- und Bahnhofplatzgestaltung erwartet – gibt. Und diese muss man sinnvoll austragen. Das tut man, indem öffentliche Räume aus möglichst verschiedenen Blickwinkeln angeschaut und dann Prioritäten gesetzt werden. «Das ist das Geschäft der Urteilskraft.»

Hier stellt sie Mängel fest: Statt mit unterschiedlichen Perspektiven gucken wir «immer mehr mit Tunnelblicken». Dabei geht es auch um Grenzen, welche «über Vereinbarungen und wechselseitige Anerkennung» verbindlich werden. Letztlich ist, so muss man Annemarie Pieper verstehen, die Gestaltung des verlängerten Wohnzimmers eine Einübung in die Konsensdemokratie.

Leserbriefe als Utopie-Traktate

Nino Cozzio ist bemüht, die Fragerunde in Gang zu bringen, und übersetzt auch mal eine nicht auf Anhieb verständliche Aussage. Zur Sprache kommt etwa, wie «die Utopien» der Stadtbewohner erhoben werden können. Für Annemarie Pieper geben «Leserbriefe in lokalen Medien» ein gutes Bild ab dafür. Daniel Klingenberg