Im Rausch der Bilder

Die Fotografie sei sein Anti-Depressivum, sagt Cyrill Schlauri. Auf der Suche nach dem ultimativen Bild verharrte der Goldacher schon so manche Nacht in der Kälte. Seine preisgekürte Aufnahme aber hat er dem Zufall zu verdanken.

Janique Weder
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Das Spiel der Polarlichter auf der norwegischen Insel Senja. (Bild: Cyrill Schlauri)

Das Spiel der Polarlichter auf der norwegischen Insel Senja. (Bild: Cyrill Schlauri)

GOLDACH. Eine Appenzeller Bauernmalerei und ein Kalender, mehr hängt nicht an Cyrill Schlauris Wohnzimmerwänden. Die Schlichtheit steht im scharfen Kontrast zu der bilderreichen Welt, in der sich der Fotograf für gewöhnlich bewegt. 140 000 Bilder hat er auf seiner Festplatte gespeichert. Das Spiel der Polarlichter in Norwegen, die schroffen Berge Schottlands, die Elefanten im namibischen Etosha-Nationalpark oder die wilden Küsten Islands: Schlauri hatte sie alle vor der Linse. Seit rund zehn Jahren reist der 42jährige Goldacher für die Fotografie um die Welt.

Spektakel vor der Linse

Cyrill Schlauris aussergewöhnlichstes Foto entstand aber nicht etwa auf der anderen Seite der Erde, sondern vor der Haustüre. Es war im Februar 2013 und Schlauri unterwegs Richtung St. Anton, um die österreichischen Alpen zu fotografieren. Da sah er oberhalb von Rorschacherberg die Schneewolke über dem Bodensee. «Ich hatte keine Ahnung, was es war», sagt Schlauri heute. «Aber es sah gut aus, also drückte ich ab.» Wieder zu Hause, stellte er sein Bild auf Facebook – wie er es schon mit vielen seiner Aufnahmen gemacht hatte. «Was dann geschah, war unglaublich.» Das Posting geht viral, Tausenden Leuten gefällt das Bild. Unter ihnen ist ein Meteorologe von MeteoSchweiz, der Schlauri kontaktiert. Er erklärt ihm nicht nur, welch aussergewöhnliches Spektakel er da abgelichtet habe, sondern motiviert ihn auch, sich für den Foto-Wettbewerb der European Meteorological Society zu bewerben. Schlauri schickt sein Bild ein – das von der Jury prompt zum Siegerbild gewählt wird.

Dabei hat alles eher zaghaft begonnen. Mit der Fotografie in Berührung kommt Cyrill Schlauri während seiner Lehre als Betriebsdisponent bei den SBB. Von Zeit zu Zeit schiesst er Schwarzweissbilder mit seiner analogen Nikon F3, dann versandet das Interesse. Andere Projekte stehen an, darunter die Zweitausbildung zum Sozialarbeiter. Erst als Schlauri 2004 mit seiner Frau während einer Reise auf den Galápagos-Inseln die Fotografen beobachtet, juckt es ihn wieder. Er kauft sich eine Kamera, dann noch eine. Heute besitzt Schlauri deren drei sowie acht Objektive, unterhält einen Blog und eine professionelle Facebook-Seite. Er verkauft Kalender und lässt sich für Hochzeiten und Konzerte buchen. Im Juni nimmt der gebürtige St. Galler erstmals an einer Ausstellung teil. An den Photo Days in Weinfelden zeigt er 14 Bilder, alle entstanden im Raum Ostschweiz. Sein Hobby zum Beruf zu machen, das sei für ihn aber nie in Frage gekommen, sagt Schlauri. «Dafür bin ich zu wenig Unternehmer. Ich hätte weder den Mut noch den Biss für ein solches Unterfangen.» Das Honorar, das er als Fotograf einnimmt, decke lediglich seine Ausgaben.

Schwierige Auswahl

Denn für Cyrill Schlauri bedeutet die Fotografie etwas anderes. «Es ist der Rausch, den ich erlebe, wenn Licht und Perspektive stimmen. Das ist mein Anti-Depressivum.» Da macht es ihm denn auch nichts aus, für den richtigen Moment lange Stunden in der Kälte auszuharren. So wie diesen Januar, auf der zehntägigen Fotoreise im hohen Norden Norwegens, für die Polarlicht-Aufnahmen.

Schwieriger als das Ausharren und das Fotografieren findet Schlauri die Auswahl danach. Sich unter Hunderten von Bildern für eines entscheiden zu müssen. «Da tue ich mich unheimlich schwer. Vielleicht, weil ich immer noch auf das ultimative Bild warte.» Das erklärt wohl die kahlen Wände in seinem Wohnzimmer.

Mehr Bilder auf www.tagblatt.ch und auf blog.fotorausch.ch

Zebraherde im Etosha-Nationalpark in Namibia. (Bilder: Cyrill Schlauri)

Zebraherde im Etosha-Nationalpark in Namibia. (Bilder: Cyrill Schlauri)

Die Schneewolke über dem Bodensee, aufgenommen ob Rorschacherberg. (Bild: Cyrill Schlauri)

Die Schneewolke über dem Bodensee, aufgenommen ob Rorschacherberg. (Bild: Cyrill Schlauri)

Die Badhütte bei Rorschach in der Abenddämmerung. (Bild: Cyrill Schlauri)

Die Badhütte bei Rorschach in der Abenddämmerung. (Bild: Cyrill Schlauri)