Im Körper eines Seniors

Bevor du über jemanden urteilen willst, ziehe seine Schuhe an und laufe seinen Weg. Eine Redewendung, die beim Tragen eines Alterssimulationsanzugs plötzlich eine neue Bedeutung erhält.

Angelina Donati
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Beim Tragen des Alterssimulationsanzugs wird deutlich, wie selbst die alltäglichsten Dinge für ältere Menschen erschwerend sein können. (Bild: Michel Canonica)

Beim Tragen des Alterssimulationsanzugs wird deutlich, wie selbst die alltäglichsten Dinge für ältere Menschen erschwerend sein können. (Bild: Michel Canonica)

Bevor du über jemanden urteilen willst, ziehe seine Schuhe an und laufe seinen Weg. Eine Redewendung, die beim Tragen eines Alterssimulationsanzugs plötzlich eine neue Bedeutung erhält. So macht der gerontologische Testanzug, kurz Gert genannt, möglich, sich in die Haut älterer Menschen einzufühlen. Auf Initiative von Jürgen Kupferschmid der Terzstiftung haben Mitarbeitende des Alters- und Pflegeheims Vita Tertia in Gossau die Gelegenheit, mehrmals im Jahr einen solchen Anzug zu tragen. Unabhängig, ob es sich um das Pflegepersonal handelt – das den Bewohnern ohnehin mitfühlend und verständnisvoll begegnet – oder um Mitarbeiter der Küche oder Technik. Am Donnerstag, 5. März, von 10 bis 12 Uhr steht der Anzug im Vita Tertia übrigens auch der Öffentlichkeit zur Verfügung.

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Mit welchen Einschränkungen ältere Menschen tagtäglich zu leben haben, zeigt sich bereits beim Ankleiden des Anzuges. Schwere Elemente auf den Schultern, an Ellbogen, an Hand, Knie und Fussknöchel versteifen die Gelenke und der Körper verliert an Kraft. Eine Halskrause engt das Gesichtsfeld ein und auch Kopfbewegungen sind auf einmal anstrengend. Hinzu kommt eine trübe Brille, die das Sehvermögen stark einschränkt. Komplett ist der Anzug mit Kopfhörern, die eine Hochtonschwerhörigkeit veranschaulichen.

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Mit dem Tragen des Anzuges hat das eigene Körpergewicht um 30 Kilo zugenommen. Für die Wirkung sei aber jede dieser Komponenten notwendig, wie es beim Selbstversuch im Vita Tertia einleitend heisst. Zusammen werde ein Effekt erzielt, der den Einschränkungen der sensomotorischen Fähigkeiten im Alter sehr nahe komme, sagt Vita-Tertia-Direktor Markus Christen. Nachempfunden wird demnach das mögliche Befinden eines etwa 80- bis 100-Jährigen. Aber auch Menschen bereits ab 60 Jahren hätten teils mit ähnlichen körperlichen Gebrechen ihren Alltag zu meistern.

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Die Reise, quasi in die Zukunft, kann beginnen: Von 0 auf 100 sozusagen. Schon die ersten Schritte sind anstrengend – ja, richtig erdrückend sogar. In Begleitung von Jürgen Kupferschmid und Markus Christen begeben sich die Testpersonen den Gang entlang zur Treppe. Jemand sagt etwas, akustisch wird es aber kaum wahrgenommen. Wenn es wichtig ist, wird sich derjenige bestimmt wiederholen, denkt sich die Testperson. Und prompt: Jetzt klopft jemand auf die Schulter. Schnell wird klar, wie der eigene Gesundheitszustand von anderen abhängig macht. Vertrauenspersonen braucht es auch bei der Treppe. Erwünscht ist ein stützender Arm oder zumindest jemand, der auf das Geländer und die nächste Stufe hinweist. Mit dem Treppensteigen ist zwar die erste Hürde geschafft, doch mit einem unebenen Teppich folgt gleich die nächste.

Endlich im Lebensmittelgeschäft angekommen, möchte man gerne erst eine kurze Verschnaufpause einlegen, doch die Zeit drängt. Hier wird richtig bewusst, was es heisst, unter derartigen Bedingungen einen Einkauf tätigen zu müssen. Bis das Lieblingsgetränk, welches weit oben im Kühlregal steht, im Einkaufskorb liegt, verbraucht der Körper viel Energie und die Geduld wird auf die Probe gestellt. Jede Bewegung ist ein Kraftakt. Durch die getrübte Sicht ermüden bald auch die Augen. Leute, die von hinten nahen, sieht und hört man nicht. Die Situation an der Kasse ist ebenfalls alles andere als angenehm. Bis das Portemonnaie geöffnet ist, verstreicht viel Zeit. Und die Münzen lassen sich kaum voneinander unterscheiden. Die Mitarbeiterin an der Kasse aber lächelt trotzdem freundlich und wünscht einen schönen Tag.

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Nach 30 Minuten im Anzug hat die erdrückende Situation ein Ende. Was jetzt wie eine düstere Zukunftsvision wahrgenommen werden könnte, relativiert Markus Christen. Prävention, wie etwa Krafttraining, könne viel bewirken, um auch im hohen Alter noch rüstig zu bleiben. Und auch die Gewissheit, dass das Älterwerden ein natürlicher Prozess sei, und eben nicht wie im Test von 0 auf 100 passiere, erleichtere den Umgang.

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