Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Im Herbst 2000 schrieb eine Einzelmaske Wahlgeschichte

Wilder Kandidat Spannende Wahlkämpfe um die Stadtregierung gab’s in St. Gallen in den letzten vierzig Jahren einige. Älteren Semestern in Erinnerung ist allenfalls noch der heiss umkämpfte Wahlherbst 1980, als Heinz Christen als erster SP-Politiker in der Stadtgeschichte der FDP das zuvor jahrzehntelang gehaltene Stadtpräsidium abnahm. Ebenfalls legendär ist die Stadtratswahl 1988: Damals trat der Christlichsoziale Erich Ziltener «wild» gegen den offiziellen Kandidaten seiner CVP an – und gewann das Wahlrennen schon im ersten Durchgang mit knappen 459 Stimmen Vorsprung.

Der spannende Wahlherbst 2000: SP und SVP gegen die CVP

In Erinnerung bleibt allerdings auch das städtische Wahljahr 2000. Und es weist sogar Parallelen zur spannenden Ausgangslage für den zweiten Wahlgang vom kommenden Sonntag auf. Damals musste die CVP den nach zwölf Jahren zurücktretenden Erich Ziltener ersetzen. Die SP – ihr Vertreter Heinz Christen war immer noch Stadtpräsident – beanspruchte daraufhin einen zweiten Sitz in der Exekutive. Weiter meldete die wenige Jahre zuvor gegründete und durch die Übernahme der städtischen Autopartei erstarkte SVP einen Sitzanspruch an.

Die CVP nominierte mit Joe Keel einen ausgewiesenen Parlamentarier und Sachpolitiker. Die SP schickte die Rechtsanwältin Elisabeth Beéry und die SVP den Architekten Hans M. Richle ins Rennen. Als Einzelmaske, also ohne Unterstützung einer grossen Partei, trat zusätzlich Franz Duss an. Als Newcomer ohne Unterstützung im Rücken wurde ihm von vornherein keine Wahlchance eingeräumt. Im ersten Wahlgang wurde keiner der Neuen gewählt. Zum zweiten Wahlgang traten alle vier nochmals an. Das Endresultat hatte sich zwar schon im ersten Wahlgang abgezeichnet, es war dann aber doch eine Überraschung: Die SP-Frau und der SVP-Mann machten die Sache unter sich aus, während der CVP-Kandidat um über 2000 Stimmen abgeschlagen auf Platz drei landete.

Spannend mit Blick auf die Stadtratsersatzwahl vom kommenden Sonntag ist allerdings nicht dieses Resultat, sondern die Tatsache, wie die Wahl vermutlich entschieden wurde: SP-Frau Beéry mit 6666 Stimmen schlug SVP-Mann Richle gerade einmal um 319 Stimmen. Auf den wilden Kandidaten Franz Duss entfielen 469 Stimmen. Nach dem Urnengang wurde natürlich sofort darüber gerätselt, wo denn Hans M. Richle die paar Hundert Stimmen für den in Griffweite liegenden Sieg verloren hatte. Und einige Wahlbeobachter kamen zum Schluss, dass Franz Duss das Zünglein an der Waage gewesen sein könnte. Aufgrund früherer Parteizugehörigkeiten war Duss dem bürgerlichen Lager zuordenbar. Aufgrund einiger seiner Positionen war auch klar, dass er für einzelne rechtsbürgerliche Protestwähler attraktiv gewesen sein könnte, die mit SVP-Mann Richle nichts anzufangen wussten.

Ein historisches Resultat mit Auswirkungen bis heute

Schlüssig beweisen lässt sich der Einfluss der wilden Kandidatur auf das Stadtratsresultat des Jahres 2000 allerdings nicht mehr. Die Zahlen und die Motive von Wählerinnen und Wählern wurden damals nicht nachträglich wissenschaftlich analysiert. Das Wahlresultat hat allerdings bis heute Nachwirkungen: Die SP erlebte im Herbst 2000 erstmals, dass es ihr mit der richtigen Kandidatur durchaus möglich war, zwei Stadtratssitze zu erobern. Und die SVP kam dem Einzug in die Stadtsanktgaller Exekutive nie mehr so nahe wie vor 17 Jahren. Alle späteren Kandidaturen scheiterten mit deutlich klareren Resultaten.

Beim Ziehen von Schlüssen aus dem damaligen Resultat für den nächsten Wahlsonntag ist Zurückhaltung angebracht. Die damalige und die heutige Situation sind doch nur bedingt miteinander vergleichbar. Richtig ist aber sicher die Aussage, dass eine wilde Kandidatur – wie jetzt jene von Schweizer Demokrat Roland Uhler – bei knappen Mehrheitsverhältnissen sehr wohl Einfluss aufs Schlussresultat haben kann. (vre)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.