Im Haus der Struktur

Das Tandem lädt übermorgen Samstag zum Tag der offenen Tür im Neubau Hüslen. Die Besucher erfahren, was es braucht, damit sich Erwachsene mit Wahrnehmungsstörungen daheim und sicher fühlen.

Nina Rudnicki
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Die Bewohner des Tandems in Abtwil bereiten gemeinsam mit den Mitarbeitern Jonny Schönenberger (blaues Shirt) und Marisa Dünser das Mittagessen zu. (Bild: Ralph Ribi)

Die Bewohner des Tandems in Abtwil bereiten gemeinsam mit den Mitarbeitern Jonny Schönenberger (blaues Shirt) und Marisa Dünser das Mittagessen zu. (Bild: Ralph Ribi)

Die lichtdurchfluteten neuen Räume und die vielen Farben fallen einem als Erstes auf, wenn man den Neubau Hüslen der Institution Tandem in Abtwil betritt. Auf drei Etagen finden hier zwölf Bewohnerinnen und Bewohner Platz. Jeder hat ein eigenes Schlafzimmer, hinzu kommen je zwei Wohnzimmer und je eine Küche auf den beiden oberen Etagen. Im untersten Stockwerk befinden sich die Arbeitsräume wie der Wasch- und der Recyclingraum, die Werkstatt, das Atelier sowie eine Arbeitsküche, in der die Bewohner eigenen Sirup oder Konfitüre kochen.

Zum Konzept von Tandem gehört, dass die Bewohner so viel wie möglich im Haushalt selbst erledigen. Möglich ist das aber nur, wenn es fixe Strukturen und Tagesabläufe gibt. Denn das Tandem ist eine Institution für Erwachsene mit Wahrnehmungsstörungen. «Der grösste Vorteil für die Bewohner und uns Mitarbeitende ist die neue Helligkeit und dass das Haus sehr grosszügig gebaut ist», sagt Arbeitsagoge Jonny Schönenberger. Er bereitet mit zwei Bewohnern gerade das Mittagessen zu. Vom Küchentisch aus, wo die drei Salat schneiden, blickt man bis zum Alpstein. Gleich neben der Küche gibt es einen grossen Balkon. Zu den Aufgaben der Hüslen-Bewohner gehört auch, im nahegelegenen Wald beim Bäumefällen mitzuhelfen. Das Holz wird danach zu Brennholz verarbeitet und an Kunden ausgeliefert.

Mit Piktogrammen durch den Alltag

6,3 Millionen Franken hat der Neubau Hüslen gekostet. Der Kanton St. Gallen hat das Projekt mit einem Darlehen von 4,6 Millionen Franken unterstützt. Rund 300 000 Franken stammen aus den Eigenmitteln des Tandem. Die restlichen 1,4 Millionen Franken kamen durch Spenden zusammen. Übermorgen Samstag ist Tag der offenen Tür (siehe Kasten). Die Institution Tandem wurde 1988 gegründet. Träger ist die Gemeinnützige und Hilfs-Gesellschaft der Stadt St. Gallen (GHG). Das Angebot des Tandems besteht aus Wohn- und Arbeitsplätzen an drei Standorten: in Abtwil, Engelburg und Obersteinach. «Wir teilen den Bewohnerinnen und Bewohnern entsprechend ihren Fähigkeiten und ihrem Interesse verschiedene Aufgaben und Arbeiten zu», sagt Schönenberger. Das wichtigste dabei sei, dass kein Stress entstehe und die Tagesstruktur eingehalten werde. Auf einem Wochenplan können die Bewohner anhand von Piktogrammen stets nachschauen, wie ihre Woche organisiert ist. Wer badet wann? Wer kocht mit wem zusammen was? Und wer hat gerade welches Ämtli im Haushalt? All das ist mit Fotos und Bildern dargestellt. «Je mehr Struktur, desto grösser ist die Sicherheit, die die Bewohner empfinden», sagt Schönenberger. Auch der Tag der offenen Tür ist im Wochenplan aufgeführt. Ämtli haben die Bewohner dann aber nicht. Schönenberger: «Am Fest soll jeder einfach sein und machen, was ihm am besten gefällt.»

Der Neubau des Tandems im Gebiet Hüslen, hier einige Wochen vor Bauende, liegt idyllisch im Grünen. (Bild: Michel Canonica (27. April 2016))

Der Neubau des Tandems im Gebiet Hüslen, hier einige Wochen vor Bauende, liegt idyllisch im Grünen. (Bild: Michel Canonica (27. April 2016))