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Im Fidesgärtli auf Zeitreise

Beim Fidesgärtli ist nur der Name blumig, die Geschichte der Liegenschaft Fidesstrasse 1 ist jedoch äusserst bewegt, reicht vom Gastarbeiterlogis der Stickereizeit bis zur heutigen Nutzung durch das Solidaritätsnetz Ostschweiz.
Josef Osterwalder
Das Haus Fidesstrasse 1, erst Gastarbeiterlogis, dann Fidesgärtli und heute Solidaritätshaus – ein Zeuge städtischer Sozialgeschichte. (Bild: Urs Bucher)

Das Haus Fidesstrasse 1, erst Gastarbeiterlogis, dann Fidesgärtli und heute Solidaritätshaus – ein Zeuge städtischer Sozialgeschichte. (Bild: Urs Bucher)

Wände sind stumme Zeugen. Doch wer sie genügend abklopft, kann sie zum Reden bringen. Nur muss man sich dazu viel Zeit nehmen, in alte Grund- und Adressbücher schauen, in vergilbten Protokollen blättern. Das heisst also, Archive aufsuchen und sich auf geduldige Fährtenlese begeben. Wie sehr sich dies lohnen kann, zeigt Peter Stahlberger am Beispiel der Liegenschaft Fidesgärtli, in einer von ihm verfassten fünfzigseitigen Schrift, die kürzlich herausgekommen ist.

Landhaustyp

Von der baulichen Gestaltung her ist das vor 130 Jahren an der Fidesstrasse 1 erstellte Haus zwar nicht besonders aufregend, auch wenn es in die Kategorie 3 der schützenswerten Bauten aufgenommen wurde, mit dem Qualitätsvermerk: «Verkleinerte und vereinfachte Erinnerung an den englischen Landhaustyp». Spannend wird jedoch der Blick auf die wechselnden Nutzungen, auf Bewohnerinnen und Bewohner, die hier ein- und ausgegangen sind.

Haus- und Sozialgeschichte

Von 1881–1916 war das Haus in privatem Besitz, diente als Logis für italienische Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter. 1916 kaufte die Schulgemeinde die Liegenschaft, vermietete zunächst die inliegenden Wohnungen weiter, nutzte sie dann aber mehr und mehr für eigene Zwecke, für Kindergarten und Hortbetrieb. Nach dem unlängst erfolgten Umzug des Hortes ins ehemalige Schulhaus St. Fiden wurden die Räume frei für eine neue Nutzung. So konnte hier Ende Mai das Solidaritätsnetz Ostschweiz sein «Solidaritätshaus» eröffnen.

Der Titel dieses Hausporträts heisst «Mitten am Rand», ein Hinweis, dass man geographisch an zentraler Lage wohnen, sich gesellschaftlich aber dennoch am Rand befinden kann. Dies trifft namentlich auf die ersten Bewohnerinnen und Bewohner der Liegenschaft zu, allesamt Italiener, die hier beim Ehepaar Emil und Elisabetha Härtsch ein Dach über dem Kopf und einen Laubsack zum Schlafen fanden.

Prekäre Verhältnisse

Emil Härtsch (1843–1903) erbaute das Haus, als die Stickereiindustrie ihre boomartige Entwicklung erlebte. Italiener brauchte man für die aufwendigen Infrastrukturbauten im Hoch- und Tiefbau, Italienerinnen als Arbeiterinnen in der Textilindustrie.

Die Wirtschaftsgeschichte berichtet stolz von der explosionsartig wachsenden Stadt, die Sozialgeschichte jedoch leuchtet ihre Schattenseiten aus, erzählt von drückender Enge und stickiger Luft in den Gastarbeiterquartieren, von den Betten, in denen schichtweise geschlafen wurde und von den Versuchen der Behörden, für ein Minimum an menschenwürdigem Umfeld zu sorgen: Vier Quadratmeter müsse einem Mieter zur Verfügung stehen, die Fläche also von zwei Matratzen; doch nicht einmal das wurde eingehalten.

Lebhaft bis turbulent

Stahlbergers Schrift listet die Belegungszahlen im Fidesgärtli auf, geht den spärlichen Arbeitseinkommen nach, zitiert die Berichte des Tablater Wohnungs-Inspektors und kommt zum Schluss: «Überhaupt muss man sich den Betrieb in diesen Häusern äusserst lebhaft, ja mitunter turbulent bis zum Chaos und emotional bis zum Extrem vorstellen. Da war nicht nur jahreszeitlich, sondern täglich und wohl auch nächtlich ein ständiges Kommen und Gehen. Da gab es Liebesbeziehungen, Heiraten, Geburten, Todesfälle, Trennungen, Verhaftungen, Abschiebungen» – kurz: das Fidesgärtli gäbe reichlich literarischen Stoff, vom Roman bis zum Musical.

Zeit der Horte

Ein Zeitzeuge blieb die Liegenschaft auch in ihrer spätern Phase, als sie einem Kindergarten und Hortbetrieb Raum bot und den Namen Fidesgärtli bekam. In der Krise der 1930er-Jahre sollte der Hort vor allem auch den Hunger der Kinder stillen; während des Weltkriegs mussten viele gar mit leerem Magen heimgeschickt werden, weil ihnen in der Zeit der Rationierung die nötigen Lebensmittel-Coupons fehlten.

Auch der Boom der 1960er-Jahre wirkte sich negativ aus. Denn nun wollte die Stadt in die Bildung statt in den Sozialbereich investieren. Während verschiedene neue Schulhäuser gebaut wurden, blieb den Horten die Rolle des Mauerblümchens.

Ein neues Kapitel

Bessere Zeiten kamen erst, als nach der Ablehnung der Tagesschule die ausserschulische Betreuung energisch angegangen und neu konzipiert werden musste. Die nun angestrebten Verbesserungen für die Hortbetriebe führten 2009 zum Wechsel ins frühere Schulhaus St. Fiden. Damit wurde im Fidesgärtli ein neues Kapitel eröffnet, wiederum eines zur Sozialgeschichte, diesmal als Solidaritätshaus.

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