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ILLETRISMUS: Das Chaos mit den Buchstaben

Sie können lesen und schreiben, verstehen jedoch einfache Texte nicht wirklich – Illettrismus ist auch in der Ostschweiz weit verbreitet.
Marion Loher
Für Illettrismus-Betroffene gibt es Kurse, wo sie die Grundlagen des Lesens und Schreibens wieder lernen. Gaëtan Bally/KEY (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

Für Illettrismus-Betroffene gibt es Kurse, wo sie die Grundlagen des Lesens und Schreibens wieder lernen. Gaëtan Bally/KEY (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

Für rund 50'000 erwachsene Ostschweizer – oder insgesamt 800'000 Schweizer – sind selbst die einfachsten Sätze ein wirrer Buchstabensalat. Den Text können sie zwar entziffern, den Inhalt verstehen sie aber nur schlecht. Und dies, obwohl sie die Schule besucht haben. Diese Lese- und Schreibschwäche trotz Schulbildung wird heute Illettrismus genannt, früher wurde sie als funktionaler Analphabetismus bezeichnet. Illettrismus ist aber nicht dasselbe wie Analphabetismus. Denn mit Letzterem sind Menschen gemeint, die nie Lesen und Schreiben gelernt haben.

Die Gründe für Illettrismus sind gemäss dem Verein Lesen und Schreiben Deutsche Schweiz, der sich für einen sicheren Umgang mit der Schrift einsetzt, vielfältig. «Lesen und Schreiben sind hochkomplexe Fähigkeiten, die über Jahre gelernt und geübt werden müssen», heisst es auf der Vereinsseite. Nicht alle Menschen hätten in ihrer Kindheit und Jugend die Chance, sich dies sicher anzueignen. «Werden sie aber nicht ständig eingesetzt und weiterentwickelt, kann man sie verlernen.»

Für Illettristen – so werden Betroffene in der Fachwelt genannt – bedeutet ihre Schwäche meist eine grosse Belastung im täglichen Leben, sei es in der Schule, am Arbeitsplatz oder in der Freizeit. Sie schämen sich, dass sie nicht richtig lesen und schreiben können – und verheimlichen ihre Schwierigkeiten oft. Das macht es schwierig, an Betroffene heranzukommen. Umso wichtiger sind öffentliche Veranstaltungen, die das Thema aufgreifen und sensibilisieren. So wie die Ausstellung «Einfach Lesen und Schreiben als Voraussetzung für Bildung», die zurzeit in der Stadtbibliothek St.Gallen zu sehen ist.

«Das Geld wäre da, bei der Nachfrage aber harzt es»

Beim Kanton ist man sich der Illettrismus-Problematik bewusst. Am ehesten könnten Betroffene noch über Bezugspersonen oder den Arbeitgeber erreicht werden, sagt Ruedi Giezendanner, Leiter Amt für Berufsbildung des Kantons St.Gallen. «Aber es ist schwierig. Illettrismus ist nach wie vor ein Tabuthema.» Dies zeige sich auch bei der Nachfrage nach Kursen, wie jenen am Berufs- und Weiterbildungszentrum Toggenburg, die vom Kanton finanziell unterstützt werden. «Wir könnten mehr anbieten, das Geld wäre da, bei der Nachfrage aber harzt es», sagt Giezendanner. «Der Unterschied zwischen der Anzahl Betroffener und jenen, die an einem Kurs für Lese- und Schreibschwäche teilnehmen, ist riesig.» In der Regel werden in Wattwil zwei Kurse angeboten; einer für Einsteiger, einer für Fortgeschrittene.

In den vergangenen Jahren haben durchschnittlich etwa sieben Personen an einem Kurs teilgenommen. Nebst dem Berufs- und Weiterbildungszentrum Toggenburg bekommt auch die Volkshochschule Rorschach Kantonsgelder für Kursteilnehmer mit Wohnsitz im Kanton.

Bei der Bekämpfung von Illettrismus sollen gemäss Giezendanner auch die Arbeitgeber noch stärker eingebunden werden. «Der Bund hat kürzlich ein Weiterbildungsgesetz erlassen. Darin steht als zentrales Element die Förderung der Grundkompetenzen. Zu denen gehören nebst Grundlagen in Mathematik sowie in Informations- und Kommunikationstechnologien auch jene in Lesen und Schreiben.» Bund, Kantone und Wirtschaft würden hier zusammenspannen und ein Programm erarbeiten, das über einen Zeitraum von vier Jahren Schwerpunkte und Ziele setzt. Auf deren Basis sollen in den Kantonen konkrete Angebote definiert und mit finanzieller Beteiligung des Bundes umgesetzt werden. Dass die Wirtschaft mit ins Boot geholt wird, ist wichtig. Schliesslich sind die volkswirtschaftlichen Folgekosten von Illettrismus enorm: In der Arbeitslosenversicherung sind 1,1 Milliarden Franken Ausgaben auf Leseschwäche zurückzuführen – 18 Prozent der Gesamtkosten. Das zeigt eine Studie des Bundesamtes für Statistik von 2007.

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