«Ich will das WEF verstehen»

Er ist Punk mit aktuell grünem Irokesen-Haarschnitt und studiert an der HSG Betriebswirtschaft. Dominik Fuchs aus Rorschach über das World Economic Forum und warum er sich gegen das Treffen, nicht aber gegen die Globalisierung stellt.

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Dominik Fuchs studiert Betriebswirtschaft an der HSG. (Bild: Ann-Marie Schmalz)

Dominik Fuchs studiert Betriebswirtschaft an der HSG. (Bild: Ann-Marie Schmalz)

Herr Fuchs, warum studieren Sie als Punk Betriebswirtschaft an der HSG?

Dominik Fuchs: Mich interessieren die Zusammenhänge unseres Systems und dessen Auswirkungen auf unser Leben. Zudem möchte ich verstehen, wieso es eine Globalisierung in diesem Ausmass gibt. Ich lerne, die Welt besser zu verstehen. Doch das Studium behandelt auch fachübergreifende Kompetenzen. So haben wir uns zum Beispiel mit dem Fall des Lehrermörders Ded Gecaj auseinandergesetzt.

Sie machen sich trotz Betriebswirtschaftsstudium gegen das World Economic Forum (WEF) stark, das seit gestern in Davos tagt. Ist das nicht ein Widerspruch?

Fuchs: Keineswegs. Obwohl ich den Kurs des WEF nicht unterstützen kann, will ich trotzdem verstehen, was dort geschieht. Das Studium lehrt, solche Dinge kritisch zu hinterfragen. Zudem kann man nichts verändern, keine fest verankerten Strukturen aufbrechen, ohne dass man die Materie mit all ihren Aspekten kennt.

Sie sind demnach Globalisierungsgegner?

Fuchs: Die Globalisierung an sich ist nicht schlecht. Schlecht ist lediglich die Art und Weise, wie sie praktiziert wird. Aktuell verhandeln die Eliten unserer Welt in Davos über das Geschick der Welt. Es ist ein fest eingeschworener Zirkel, der sich in Szene setzt, ohne sich selbst kritisch zu hinterfragen. Keine externen Faktoren werden zugelassen. Den Kreis der Teilnehmer am WEF sollte erweitert werden. So könnten neue, ungeheuer wichtige Faktoren in die Diskussion eingebracht werden.

Wie könnte eine Globalisierung funktionieren?

Fuchs: Es gibt keine ideal realisierbare Globalisierung. Dazu ist die Welt zu verschieden. Doch es würde funktionieren, indem man fair und abseits des ökonomischen Gewinndenkens agiert. Derzeit verlangen Industrienationen beim Import von Agrargütern hohe Zölle, sind aber selbst im eigenen Wirtschaftsraum, der durchaus Landesgrenzen überschreiten kann, keinerlei Restriktionen unterlegen. Die heutige Globalisierung findet nur sehr selektiv statt. Generell sind die Entwicklungsländer die Leidtragenden, da dort ökonomisch wie auch sozial andere Bedingungen herrschen. Es fehlen Infrastrukturen wie auch Standards, die nötig wären, um sich international messen zu können.

Welche Aspekte fehlen am WEF?

Fuchs: Das WEF operiert strikt nach den Prinzipien des Homo oeconomicus – des wirtschaftlich orientierten Menschen. Das bedeutet, dass alle Gespräche auf eines hinauslaufen: die Gewinnoptimierung und -maximierung. Es fehlen soziale Aspekte. Eine Tagung könnte sich des Themas «Arbeitsmarkt» annehmen und diesen als Gruppe von Menschen und nicht als ökonomische Grösse behandeln. Auch ökologische Faktoren sollten beim WEF kritisch hinterfragt werden. Als Beispiel: Die Industrienationen produzieren in Drittweltländern für den Export bestimmten Biotreibstoff auf riesigen Feldern, die dann nicht mehr für die lokale Nahrungsmittelproduktion genutzt werden können. Dieses an die Industrienationen zu liefern, verschlingt Unmengen an Benzin. Für die Industrienation ist das wirtschaftlich sinnvoll, doch ökologisch ist das ein Desaster.

Das WEF engagiert sich in sozialen Dingen. U2-Sänger Bono zum Beispiel kämpft in Davos seit Jahren für Afrika. Reicht das nicht aus oder ist es falsches Engagement?

Fuchs: Mit den humanitären Auftritten von Bono setzt sich das WEF sehr schön in Szene und will damit die Aussage machen, dass sie sich für Bonos Anliegen, und damit auch unsere humanitären Ansprüche, interessieren. Es ist eine sehr geschickte Manipulation der Massen. Diese Pseudo-Ethik, die an den Tag gelegt wird, ist sehr simpel zu durchschauen. In Afrika wird Milchpulver verkauft, das unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen hergestellt worden ist. Die Firma erwirtschaftet sich so jedes Jahr Milliardengewinne, alles auf den Buckeln der Dritten Welt. Ende Jahr dann heuchelt die Firma soziales Engagement und spendet einen Betrag für wohltätige Zwecke, so dass das Image gegen aussen stimmt. Hätte die Firma aber von vorneherein bereits anständige Preise verlangt und gerechte Löhne gezahlt, dann müssten sie gar keine Spenden-Farce mehr veranstalten. Eine solche Inszenierung funktioniert am besten, wenn berühmte Gesichter lächeln, hohe Geldbeträge involviert sind und die Massenmedien darüber berichten.

Welche Rolle spielen die Medien?

Fuchs: Sie werden bewusst instrumentalisiert und dienen mit dem Vorwand der humanitären Hilfe als Gratis-Werbefläche für das Image der Firma. Diese verschaffen sich so Gehör und beeinflussen so die Konsumenten des Mediums. So werden Leser und Medien bewusst manipuliert. Das tue ich übrigens gerade auch in diesem Interview, wenn man dieses kritisch hinterfragt.

Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor? Gehen Sie in die Politik?

Fuchs: Sollte ich Politiker werden, dann als Parteiloser. Doch im Moment konzentriere ich mich auf mein Studium. Aber mittelfristig sieht mein Leben so aus, dass ich meinen Bachelor machen werde. Es wird ein Zwischenjahr folgen, während dem ich verschiedene Berufe und Berufsfelder kennenlernen möchte. Dann werde ich mich wohl für das Master-Studium entscheiden.

Interview: Dominik Bärlocher

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