«Ich war ein führerloses Boot»

Alkoholabhängig, drogensüchtig und auf der Suche nach sich selber – eine Frau erzählt von einem Leben am Rande der Gesellschaft, wie sie in der Herberge zur Heimat wieder Fuss fasst und was sie sich von ihrer Zukunft erhofft.

Jeanette Herzog
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Die meisten Bewohner der Herberge zur Heimat scheuen die Öffentlichkeit – Theodor Bayer hat einen Blick in sein Zimmer gestattet. (Bild: Coralie Wenger)

Die meisten Bewohner der Herberge zur Heimat scheuen die Öffentlichkeit – Theodor Bayer hat einen Blick in sein Zimmer gestattet. (Bild: Coralie Wenger)

Sie ist unruhig, spielt mit ihrem struppigen Haar, das sie in lose Zöpfe geflochten trägt. Den Augenkontakt hält sie nur kurz, wendet sich immer wieder der Kaffeetasse auf dem Tisch zu. Die 46jährige Stadtsanktgallerin – nennen wir sie Lisa Forrer – wirkt wie ein junges Mädchen, wenn sie von damals erzählt. Damals, als sie mit ihrer Familie im Krontal lebte. Der Vater war Stickereizeichner, verstarb aber früh. Die Mutter vernachlässigte fortan die vier Kinder und tat sich bald mit einem anderen Mann zusammen. Die zwei älteren Schwestern schafften den Absprung, der kleine Bruder und Lisa Forrer blieben allein zurück. «Uns hat niemand gezeigt, wie es funktioniert», sagt Lisa Forrer. Sie meint das Leben.

Essstörungen, Alkohol, Heroin

Ihre Mutter sei eine «unglaublich dominante» und «furchtbar gläubige» Frau gewesen. Obwohl sie selten da war, spürt die junge Lisa stets deren Erwartungsdruck. «Ich habe mein Leben durch die Augen und Ohren meiner Mutter gelebt.» Und stets habe sie Angst gehabt; Angst der Mutter nicht zu genügen, Angst vor dem Fegefeuer. «Ich war ein naives <Tötschli>, ein führerloses Boot», erzählt sie. Und das Boot steuerte direkt in die Sucht. Essstörungen als Schülerin, Alkohol mit 17, schliesslich Heroin. Die Drogen bezeichnet sie als «Trick des Jahrhunderts», der für sie alles einfacher machte. «Ich weiss nicht, was los war mit mir. Ich dachte immer, ich würde gleich sterben.» Die Schule, später die Lehrstelle waren ihre einzigen Anker. Wie ihr Vater absolvierte sie die Ausbildung zur Stickereizeichnerin.

Die Ehe war eine Katastrophe

Nach der Lehre lernte sie einen Mann kennen. Sie hätten sich gut verstanden, er habe auch «güügelet», sagt Lisa Forrer. «Ich dachte mir, lieber ein Scheisstyp als gar keiner.» Die beiden heirateten, da war sie gerade 20 Jahre alt. «Es war eine Katastrophenehe. Erst wollte er mich unbedingt, dann unbedingt nicht mehr.» Doch sie sei nicht von ihm losgekommen, reiste mit ihm durch die Schweiz, lebte auf Bauernhöfen, auf der Gasse. Zwei Jahre lang habe sie darauf gewartet, dass er wieder zu ihr finde. Sie habe alles für ihn getan. «Ich war wie Pinocchio – solche Frauen habe ich gehasst, aber so eine war ich auch.» Nach zwei Jahren habe sie verstanden, dass es fertig sei. Während dieser Zeit habe sie auch ihre Arbeit verloren. Das war ein schmerzlicher Einschnitt, den Beruf habe sie geliebt. Ohne Job, ohne Familie, ohne daheim – «ich dachte, ich drehe durch». Sie lächelt verlegen. «Viele Jugendliche töten sich in solchen Situationen.» Heute ist sie froh, dass sie es nicht getan hat. «Es wäre schade gewesen, um all das, was ich noch erlebt habe.»

Graue Jahre der Sucht

Der Trennung vom Ehemann folgen graue Jahre der Sucht. «Ich habe es mit mir nicht ausgehalten, habe mich gehasst.» Irgendwann begibt sie sich in Therapie. «Ich habe erfahren, dass es anderen genauso geht wie mir und dass ich so schlecht gar nicht sein kann.» Langsam kehrt das Selbstvertrauen zurück.

Im Jahr 2004 erhält sie eine Stelle in einer geschützten Werkstatt, in der sie noch immer arbeitet. «Heute bin ich bei mir und kann mich auf mein Gefühl verlassen.» Sie könne sich wehren, sie könne reagieren und vor allem agieren.

Aus der Klinik in die Herberge

Seit Februar wohnt Lisa Forrer in der Herberge zur Heimat an der Gallusstrasse 38. Die frühere Bleibe, ein Wohnheim für Psychischkranke, musste sie verlassen wegen Alkohol- und Drogenkonsums. Über Weihnachten und Neujahr war sie in der Klinik in Wil zum Entzug, jetzt ist sie im Heroinprogramm. Jeden Morgen und jeden Abend erhält sie die Droge in kontrolliertem Umfeld. Dass der Beschaffungsstress wegfällt, verschafft ihr Ruhe.

In der Herberge ist sie glücklich. Sie könne ihr Zimmer abschliessen, die Wäsche werde gemacht, Essen gekocht und Medikamente vorbereitet. «Und es wird einem nicht ständig unter die Nase gerieben, dass man Hilfe braucht.»

Mit Herz bei der Arbeit

Die Menschen in der Herberge zur Heimat seien mit viel Herz bei der Arbeit, würden mit den Bewohnern aber nicht «käsperlen», sagt Lisa Forrer. Es gebe klare Regeln: Kein harter Alkohol, keine Nebendrogen, keine Übernachtungsgäste. «Jetzt kann ich mir nicht vorstellen, dass ich hier je wieder weg möchte.» Sie habe sich aber auch nie vorstellen können, zum Zahnarzt zu gehen, und sei dennoch irgendwann gegangen. Für die Zukunft wünscht sie sich einen neuen Partner. An der Formulierung des zweiten Ziels hat sie wohl lange gearbeitet. Sie hält einen Moment inne, atmet tief durch und sagt: «Frau Forrer geht liebevoll mit sich selber um. Das gibt Gelassenheit.»

Donat Wick Leiter Herberge zur Heimat (Bild: (Coralie Wenger))

Donat Wick Leiter Herberge zur Heimat (Bild: (Coralie Wenger))