«Ich war auch unbequem»

Während acht Jahren hat sich der parteilose Stadtrat Paul Egger sowohl für die älteren als auch für die jüngeren Gossauerinnen und Gossauer eingesetzt. Ein Spagat zwischen Generationen. Ende Jahr gibt der 65-Jährige sein Amt ab.

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Der letzte Auftritt im Parlament: Stadtrat Paul Egger an der Parlamentssitzung von Anfang Dezember. (Bild: Coralie Wenger)

Der letzte Auftritt im Parlament: Stadtrat Paul Egger an der Parlamentssitzung von Anfang Dezember. (Bild: Coralie Wenger)

Das Timing war perfekt: An seiner letzten Parlamentssitzung Anfang dieses Monats bekam Stadtrat Paul Egger von den Parlamentariern grünes Licht für die Neuorganisation des Seniorenwohnens, der Gründung der SanaFürstenland AG. Sein letzter grosser Erfolg als Stadtrat.

Herr Egger, wie gross wäre die Enttäuschung gewesen, wenn das Parlament «Ihr» Projekt nicht unterstützt hätte?

Paul Egger: Ernüchternd wäre es gewesen. Sehr ernüchternd. Dann hätten wir zwei Umbauvarianten vorlegen müssen. Beide wären aber nicht zielführend gewesen. Deshalb bin ich nun froh, dass das Parlament dem zukunftsgerichteten Modell, der SanaFürstenland AG zugestimmt hat.

Das Parlament war in der Vergangenheit nicht immer auf Ihrer Seite, als es um die Frage «Wie weiter mit dem Seniorenwohnen?» ging.

Egger: Stimmt. Mit der ersten Vorlage, der Leistungsvereinbarung mit der Senevita AG, erlitten wir Schiffbruch. Das war 2009. Es lag viel Herzblut drin, und die Vorlage wurde auch immer als sehr gut bezeichnet. Doch dann wollte man sie im Parlament nicht. Das war eine herbe Enttäuschung. Sicherlich der Tiefschlag meiner achtjährigen Amtszeit.

Welches waren die Höhepunkte?

Egger: Im Bereich Alter ist es nebst der SanaFürstenland AG die strukturelle Erneuerung der Spitexorganisation.

In Ihre Zuständigkeit fielen sowohl die älteren Menschen als auch die jüngeren. Wie ist Ihnen dieser Spagat zwischen den Generationen gelungen?

Egger: Als Vorsteher des Bereichs «Jugend Alter Soziales» ist das Spektrum, das man betreut, sehr breit. Es ist tatsächlich ein Spagat. Dieser ist mir ganz gut gelungen. Weil es immer Fragen sind, die den Menschen – ob alt oder jung – betreffen.

Fühlten Sie sich als über 60-Jähriger nie fehl am Platz zwischen all den Teenagern?

Egger: Überhaupt nicht. Ich habe mich immer sehr wohl gefühlt inmitten der jungen Menschen.

Was haben Sie in Ihrer Amtszeit für die Jugend von Gossau erreicht?

Egger: Ausgehend vom Jugendleitbild 2004 konnten wir das Jugendsekretariat etablieren und die mobile/aufsuchende Jugendarbeit stark forcieren. Dann haben wir die Schulsozialarbeit, die es heute leider braucht, erfolgreich installiert und einen zweiten Kinderhort eröffnet. Freude macht mir, dass heute über 80 Prozent unserer Jugendlichen in einem Verein sind.

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Vor acht Jahren wurde Paul Egger in den Stadtrat gewählt. Zuvor sass er während einer Amtsperiode im Parlament. Einmal sogar zuoberst: Er war der erste Parlamentspräsident. Für die fünf Sitze im Stadtrat kandidierten 2004 sieben Personen. Egger schaffte den Sprung auf Anhieb – mit dem besten Resultat.

Wie würden Sie sich selber als Stadtrat charakterisieren?

Egger: Ich war nicht immer einfach, vielleicht sogar etwas unbequem manchmal. Mir war die ganzheitliche Sicht wichtig. Ich habe mich immer gerne mit Themen auseinandergesetzt und versucht, meine Haltung darzulegen.

Wo sehen Sie in Gossau die grössten Veränderungen gegenüber Ihrem Amtsantritt?

Egger: Äusserlich hat Gossau vor allem durch die Neugestaltung des Zentrums und die Bauten beim Bahnhof an Glanz gewonnen. Infrastrukturmässig haben wir einiges umsetzen oder aufgleisen können. Noch etwas angespannter ist mein Verhältnis zum Parlament geworden.

Inwiefern?

Egger: In den vergangenen Jahren ist in Parlamentsdiskussionen je länger desto mehr die Partei statt die Sache in den Vordergrund gerückt. Die ganzheitliche Zukunftsbetrachtung fehlt heute weitgehend. Man ist weniger bereit für konstruktive Gespräche, was Entscheide blockiert. Die Rolle des Parlaments müsste wieder deutlicher aufgezeigt werden.

Und das war vor zwölf Jahren anders, als Sie noch Parlamentarier waren?

Egger: Ich denke schon. Ich bin 2001 ins neu gegründete Parlament gewählt worden. Wir alle waren neu, motiviert und voller Elan. Wir sahen uns als Vertreter des Volkes und setzten uns auch dementsprechend ein.

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Ab Januar ist Paul Egger ehemaliger Stadtrat. Bis dahin gilt es, seinem Nachfolger Bruno Damann die Dossiers zu übergeben. Die letzte Stadtratssitzung findet am 19. Dezember statt.

Wie sieht Ihr Leben nach dem Stadtrat aus ?

Egger: Meine Verwaltungsratsmandate bei der Acrevis Bank, dem LV-St. Gallen und der Säntisgastro werde ich weiter wahrnehmen. Und dann bleibt mir endlich mehr Freiraum für die Gestaltung der neu gewonnen Zeit; etwa mit Lesen, Reisen, Ski- und Velofahren. Interview: Marion Loher