«Ich liebe meine Gemeinde»

Vor 25 Jahren hat Paul Bühler sein Amt als Mörschwiler Gemeindepräsident angetreten. Ein Gespräch über fehlende Fusionsgelüste, Ärgernisse einer finanzstarken Gemeinde und Herzensanliegen.

Corinne Allenspach
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Er hat seit 25 Jahren den Überblick über Mörschwil: Gemeindepräsident Paul Bühler. (Bilder: Michel Canonica)

Er hat seit 25 Jahren den Überblick über Mörschwil: Gemeindepräsident Paul Bühler. (Bilder: Michel Canonica)

Wenn Waldkirchs Franz Müller Ende Jahr in Pension geht, wird Mörschwils Paul Bühler mit Abstand der amtsälteste Gemeindepräsident der weiteren Region Rorschach sein. Amtsmüde ist er aber noch lange nicht.

Bei den Wahlen vom 25. September erzielten Sie ein sehr gutes Resultat, mit den zweitwenigsten Proteststimmen aller Gemeindepräsidenten in der Region St. Gallen. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Erfolgsgeheimnis ist ein grosses Wort. Ich liebe mein Dorf, ich bin Mörschwiler und identifiziere mich zu 100 Prozent. Und ich versuche, meine Arbeit möglichst gut zu machen und alle Bevölkerungsschichten ernst zu nehmen.

Vor 25 Jahren, im Oktober 1991, haben Sie Ihr Amt angetreten. Wie werden Sie Ihr Dienstjubiläum feiern?

Eine von mir organisierte Feier wird es sicher nicht geben, ich mag das nicht, dieses Huldigen meiner Person. Eigentlich müsste ich ja danke sagen, dass ich so lange bleiben durfte und einen interessanten Job ausüben darf, der erst noch gut bezahlt ist.

Ein Vierteljahrhundert Gemeindepräsident in einem Dorf ohne finanzielle, soziale oder Verkehrsprobleme. Ist das nicht langweilig?

Au nein. Wir haben ja nicht weniger Probleme, sondern manchmal einfach andere. Wenn jemand viel Geld hat, sind die Begehrlichkeiten auch grösser. Da auch einmal Nein zu sagen, ist nicht immer einfach.

Mörschwil wird oft Schmarotzertum vorgeworfen, wenn es darum geht, sich finanziell zu beteiligen in der Region.

Wo denn? Das stimmt einfach nicht. Das sind so plakative Aussagen einiger Leute. Wir zahlen an den Peter und Paul, ans Figurentheater, den Walter Zoo, das Hallenbad Blumenwies, um nur einiges zu nennen. Und was einmal gesagt sein muss: Mörschwil hat die höchste Steuerkraft pro Kopf im Kanton. Das heisst, die Mörschwiler zahlen am meisten in den kantonalen Finanzausgleich, den ich übrigens ein sehr gutes Instrument finde.

Was Sie auch ärgert, ist, wenn Mörschwil als «Gemeinde im Speckgürtel» bezeichnet wird. Schämen Sie sich eine reiche Gemeinde zu präsidieren?

Überhaupt nicht, ich bin stolz darauf. Ich finde einfach den Ausdruck Speckgürtel total unpassend. Heutzutage würde das kein St. Galler Stadtrat mehr sagen. Ich bin sehr für eine Zusammenarbeit mit der Stadt. Fusion wird aber sicher kein Thema sein, solange ich in Mörschwil etwas zu sagen habe.

Für den mächtigsten Mann der Welt, den US-Präsidenten, gilt eine Amtszeitbeschränkung von acht Jahren. Neu ist auch das Amt des Regierungsrats in Appenzell Ausserrhoden beschränkt. Müsste das bei Gemeindepräsidenten nicht auch so sein?

Ich persönlich finde nein. Je nach Person und Gegebenheit können acht Jahre schon zu lang sein oder zwanzig noch zu kurz. Ich finde, die Bürger sollen alle vier Jahre selber entscheiden können.

Was reizt Sie nach 25 Jahren noch an diesem Amt?

Ich bin Mörschwiler mit Leib und Seele und fühle mich noch fit und munter. Mörschwil ist sensationell. Eine derartige Vielfältigkeit gibt es in der Privatwirtschaft kaum. Man ist ein Generalist und kann etwas bewegen. Eine Gemeinde in der Grösse Mörschwils ist wie ein Gemischtwarenladen.

Wollten Sie nie in eine grössere Gemeinde wechseln? Oder in ein höheres Amt?

Eine andere Gemeinde wäre nie in Frage gekommen. Was mich gereizt hätte, wäre Kantonsrat. Aber nachdem ich einmal kandidiert hatte und nicht gewählt wurde, war das für mich erledigt.

Zum 20-Jahr-Dienstjubiläum sagten Sie, Sie würden 2015 gerne die Eröffnung des Alterszentrums erleben. Bisher stehen erst die Visiere. Eine unendliche Geschichte?

Ich hoffe nicht. Aber wir sind noch vor Verwaltungsgericht.

Woran erinnern Sie sich in Ihrer Amtszeit am liebsten?

An die Infrastrukturbauten: Gemeindehaus, Werkhof. Etwas vom schönsten ist die Sporthalle Seeblick. Rückblickend sind alle drei Projekte sehr gelungen.

Und woran nur ungern?

An die vielen Einsprachen gegen Bauprojekte: Alterszentrum, Freihof oder Pfadiheim. Einsprachen sind zwar kein Mörschwiler Phänomen. Ich habe generell das Gefühl, es wird mehr gestritten, auch privatrechtlich. Das kostet viel Zeit und Energie.

Nicht erfreut sind Sie auch über den Kanton, der aktuell drei Deponien im Richtplan eingetragen hat: Unterbüel, Riederen und Aachen.

Das ärgert mich sehr, vor allem auch die Stellungnahmen von Pro Natura und WWF zu Aachen. Apropos Schmarotzertum. Seit ich mich erinnern kann, war Mörschwil Standort von Deponien. Riederen scheint uns eher sinnvoll. Aber im Naherholungsgebiet Aachen sehen wir das gar nicht. Da müssten wir eventuell rechtliche Schritte ergreifen.

Jüngst kritisierte das Solihus die schäbige Unterkunft für Flüchtlinge. Keine schöne Schlagzeile für ein reiches Dorf.

Das stimmt. Ich muss aber anfügen, es ist sehr schwierig, in Mörschwil geeigneten Wohnraum zu finden. Wir bewerben uns um jede freie Wohnung. Bei der aktuellen Asylunterkunft konnten wir mit dem Hausbesitzer aushandeln, dass die Liegenschaft in Kürze renoviert wird. Froh sind wir auch über die Freiwilligen, die die Flüchtlinge unterstützen. Aktuell suchen wir zudem eine Betreuungsperson, die von uns angestellt wird.

Sie sind jetzt 61. Was planen Sie noch mit Mörschwil?

Die Bauprojekte vorantreiben. Zudem hoffe ich, dass es mit dem Richtplan des Kantons vorwärts geht, damit wir wieder Bauland einzonen können, auch für junge Mörschwiler. Es tut mir weh, dass viele wegziehen müssen, wenn sie nicht einen super Job oder einen reichen Papi haben.