«Ich kann nichts wegwerfen»

Dominique und Anita Gmür sammeln Autos. Kleinstfahrzeuge, um genau zu sein. Im Vergleich dazu sind selbst Käfer und Ente riesig – und stehen auch in der Garage, die eigentlich ein Museum ist. Öffentlich zugänglich ist es aber nicht.

Benno Gämperle
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Dominique und Anita Gmür auf der 1962er-Vespa, umgeben von ihren Raritäten. (Bild: Michel Canonica)

Dominique und Anita Gmür auf der 1962er-Vespa, umgeben von ihren Raritäten. (Bild: Michel Canonica)

Das Auto des Journalisten hat Jahrgang 1989. Gemessen am Alter und im Vergleich zu jenen Fahrzeugen, die er nun zu Gesicht bekommt, ist dieser Wagen ein Baby. Kleinstfahrzeuge aus den 1950er- und 1960er-Jahren sind es, die das Sous-sol des Hauses von Dominique und Anita Gmür in Gossau besiedeln. Dagegen müssen sich Kleinwagen wie VW Käfer oder Citroën 2CV als Sattelschlepper fühlen. Ein Messerschmitt von 1957 steht da, ein Goggomobil mit Baujahr 1959 und vier Sitzen, eine BMW Isetta aus dem Jahr 1959 mit Einstieg am aufklappbaren Steuerrad vorbei, ein Fiat Topolino (Jahrgang 1948) sowie ein Cinquecento von 1969 – alles Namen, die in Vergessenheit geraten sind. Oder geraten würden, gäbe es nicht leidenschaftliche Sammler wie das Ehepaar Gmür. Die breite Masse wird diese Trouvaillen allerdings nicht zu Gesicht bekommen, denn die Sammlung ist nicht öffentlich zugänglich.

«Habe einfach Freude daran»

Die Motorisierung dieser Fahrzeuge, entweder mit Zweizylinder-Benzin- oder mit Zweitaktmotoren ausgestattet, ist nach Massstäben der modernen Autoindustrie nur mit der Lupe zu erkennen. Doch darum geht es nicht. Dominique Gmür: «Ich habe keine Ahnung von Motoren. Ich schaue meine Autos einfach gerne an, fahre mit ihnen aus und habe Freude daran.» Dabei leuchten die Augen des 61-Jährigen; er ist wieder der Bub, der in Kantizeiten vom Sattel seines Velo-Solex den Messerschmitt seiner beiden Schulkollegen bestaunt hat.

Wer das Ehepaar Gmür kennt, den erstaunt wenig, dass sämtliche der obgenannten Fahrzeuge zur Sammlung gehören. Der Käfer, als Cabriolet von 1973, dient regelmässigen Sommerausfahrten. Ein Mini Cooper sowie ein Renault Heck 4CV stehen ebenso in der «Museums»-Garage wie eine Ente. Letztere allerdings geniesst nur Gastrecht. Sie gehört einem Freund der Familie.

Zwischen den kleinen Autos stehen Zweiräder wie der Solex oder die Vespa von 1962, um nur die exquisitesten Raritäten namentlich zu nennen. Des Betrachters Auge kann sich kaum satt sehen in diesem Kellerraum mit seinen Vitrinen voller Spielzeugautos – Duplikate der «echten» nebenan –, Puppenstuben, alten Fotos und Emailschildern, Jukeboxen, Tanksäulen und einarmigen Banditen, samt und sonders funktionierend. Auch alle Oldtimer sind fahrbar.

Kulturgut erhalten

Gmürs Freude an Antikem, an Trouvaillen und Oldtimern hat längst auf seine Frau Anita übergegriffen. «Sie sind einfach schön, diese alten Autos», sagt Anita Gmür. «Jöö, wie herzig», denke nicht nur sie im Angesicht dieser Raritäten, sondern höre sie auch oft von Freunden. Das Auge ist zentral, wenn es darum geht, die Wurzeln dieser Sammlung zu ergründen, «aber die Freude am Betrachten geht direkt ins Herz», wie Dominique Gmür ergänzt. Das Auge reicht indes nicht aus, die Motivation der beiden zu beschreiben. «Ich finde kleine und kleinste Autos faszinierend, seit ich mich erinnern kann», sagt er etwa, um auf den Kern jeder Sammlertätigkeit zu sprechen zu kommen: «Bewahren oder verschrotten?» Für Gmür ist klar: «Man muss dieses alte Kulturgut erhalten. Und zudem kann ich einfach nichts wegwerfen, das ist doch schade.» Das wiederum ist – nicht zuletzt bei einer Fahrzeugsammlung wie dieser – rasch einmal eine Platzfrage. Punkto Autos ist die Kapazitätsgrenze der Sammlung, die Anita und Dominique Gmür vor rund 20 Jahren begonnen und für die sie ihr Haus um einen grossen Kellerraum erweitert haben, fast erreicht. Das führt zu einer weiteren Frage, die Sammler beschäftigt: Was passiert mit all den Sachen, wenn wir einmal nicht mehr da sind?

In den Otmar-Farben gespritzt

Fragen, die der Antwort noch harren. Zentraler ist momentan etwas anderes – und damit kommt die Sprache auf die wichtigste Leidenschaft im Leben von Dominique Gmür: Handball. Er, der Grandseigneur und Sportchef des TSV St. Otmar, fiebert dem Saisonauftakt entgegen, am Mittwoch, 4. September, in der Kreuzbleiche gegen Kadetten Schaffhausen. Mit dabei ist dann vielleicht auch die Isetta-BMW aus Gmürs Sammlung, die ist in den Farben der Otmar-Handballer gespritzt.

Bild: BENNO GÄMPERLE

Bild: BENNO GÄMPERLE