«Ich hatte schlaflose Nächte»

Der neue SVP-Nationalrat Thomas Müller zu seinem Parteiwechsel und zu den happigen Vorwürfen der ehemaligen CVP-Parteikollegen.

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Thomas Müller: «Ich zahle die Beiträge noch heute abend.» (Bild: Ralph Ribi)

Thomas Müller: «Ich zahle die Beiträge noch heute abend.» (Bild: Ralph Ribi)

Herr Müller, Ihr Wechsel – unangekündigt und via Medien – sei stillos, sagen Ihre ehemaligen Parteifreunde.

Thomas Müller: Der Ablauf war anders geplant. Aber der «Sonntags-Blick» wusste von den Gesprächen und hat am Samstag in Aussicht gestellt, dass er die Geschichte am Sonntag bringen wird. Ich hatte Gelegenheit, Fragen zu beantworten.

Woher wusste denn die Zeitung Bescheid?

Müller: Ein Journalist hat Toni Brunner und mich mehrmals zusammen gesehen. Er hat uns immer wieder darauf angesprochen. Eigentlich wollte ich meinen Wechsel heute Dienstag bekanntgeben und die CVP am Montag orientieren. Aufgrund der neuen Lage mussten wir kurzfristig am Sonntag eine Medienkonferenz einberufen.

Es sieht halt auf den ersten Blick ein bisschen danach aus, als wäre die Aktion so eingefädelt gewesen…

Müller: Es ist überprüfbar, dass wir das Medienzimmer für die Pressekonferenz für heute Dienstag um 11 Uhr reserviert hatten.

Die CVP Schweiz und St. Gallen fordern Ihren Rücktritt aus dem Nationalrat.

Müller: Das werde ich nicht tun.

Warum nicht? Sie wurden als CVP-Politiker gewählt.

Müller: In Bern und Glarus sind reihenweise SVP-Politiker zur BDP übergelaufen, und niemand hat deswegen sein Amt niedergelegt. In den Reihen der CVP war da und dort Schadenfreude nicht zu übersehen.

Es wäre fair gegenüber den Wählern, wenn Sie jetzt den Hut nehmen und im Herbst neu antreten würden.

Müller: Ich hatte sehr viele Stimmen aus dem SVP- und FDP-Lager erhalten. Das beweist, dass ich weit über die CVP hinaus gut verankert bin.

Diese Haltung führt doch dazu, dass nun zahlreiche CVP-Politiker sagen, Sie seien charakterschwach.

Müller: Ich will den von der CVP entfachten öffentlichen Streit nicht zusätzlich anheizen. Im Moment ist wohl nicht die Zeit, Nettigkeiten auszutauschen. Wer politisch das Heu nicht auf meiner Bühne hat, kann nun relativ einfach mit mir abrechnen. Ich nehme das zur Kenntnis.

Sie schulden Ihrer Partei angeblich 15 000 Franken.

Müller: Ich zahle noch heute abend ein, wenn das das einzige Problem ist. Aber Parteipräsident Darbellay sollte sich genau überlegen, ob er diese Frage tatsächlich öffentlich diskutieren will. Mehr will ich dazu im Moment nicht sagen.

Warum haben Sie nicht bezahlt?

Müller: Ich hatte keine Lust, Linkspolitik mitzufinanzieren.

Die CVP macht keine linke Politik.

Müller: Die CVP ist nicht mehr so bürgerlich wie früher. Innerhalb der Fraktion besteht der KMU-Club. Er kann zwar bei Abstimmungen im Parlament zusammen mit der FDP und der SVP bürgerliche Mehrheiten bewirken. Aber innerhalb der Fraktion ist er zu klein. Wir müssen härter sein: gegenüber Druck aus dem Ausland, beim Umverteilungsstaat und beim Kampf gegen ständig neue Regulierungen.

Warum haben Sie nicht stärker für diese Positionen gekämpft?

Müller: Zum einen war ich als Stadtpräsident mit der Neuausrichtung von Rorschach zeitlich sehr beansprucht. Zum andern wird man mit der Zeit müde, wenn die Mehrheitsauffassung der Fraktion nicht mit den eigenen politischen Vorstellungen übereinstimmt. Vorübergehend trug ich mich gar mit dem Gedanken, im Herbst auf nationaler Stufe aufzuhören.

Die CVP bildete doch schon immer ein breites Spektrum ab.

Müller: Das stimmt, aber die Bandbreite zwischen links und bürgerlich hat sich in den letzten drei Jahren deutlich vergrössert.

Eine Kritik am Parteichef?

Müller: Ich stelle nur fest und mache niemandem einen Vorwurf. Die CVP wird selbst erkennen, dass die Bandbreite, die sie als Mitte bezeichnet, es zunehmend schwerer macht, im politischen Wettbewerb eine eigene Position glaubhaft darzustellen.

Sie haben der CVP viel zu verdanken. Felix Walker zog sich ein Jahr vor den Wahlen aus dem Nationalrat zurück, um Ihnen Platz zu machen. Sie wären ohne Ihre ehemalige Partei heute nicht hier, wo sie jetzt sind.

Müller: Das stimmt. Der Entscheid ist mir deshalb überhaupt nicht leicht gefallen. Ich hatte schlaflose Nächte. Aber irgendwie spürte ich, dass es so nicht mehr weitergehen konnte.

Die CVP will mit zwei Listen zu den Wahlen antreten. Sie wären auf der Rheintal-Sargans-Linthgebiet-Liste gelandet. Ist das ein Grund für Ihre Verärgerung?

Müller: Das war nicht ausschlaggebend, aber hat den Entscheid am Ende erleichtert. Ich sage nicht, man habe Rorschach absichtlich auf diese Liste gesetzt, um meine Wiederwahl zu verhindern. Aber unsensibel war es auf jeden Fall. Rorschach gehört nun mal zur Wirtschaftsregion St. Gallen und nicht zum Linthgebiet.

Die SVP sucht nächstes Jahr Regierungsratskandidaten in St. Gallen.

Müller: Ich bin 58 Jahre alt. Das ist für mich kein Thema.

Und wenn Sie von Toni Brunner nett gefragt werden?

Müller: Auch dann nicht. Ich habe nicht aus Karrieregründen die Partei gewechselt.

Interview: Stefan Schmid