«Ich habe auch von ihr gelernt!»

RORSCHACH. Natascha Gysin absolvierte eine Praxisausbildung (PrA) bei der Heilpädagogischen Vereinigung Rorschach. Nun hat sie eine Festanstellung in der Betriebsküche der Heilpädagogischen Schule Heerbrugg und damit im ersten Arbeitsmarkt.

Monika von der Linden
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Natascha Gysin und Küchenchefin Mägi Haas (rechts) besprechen täglich, welche Arbeiten auf sie zukommen. (Bild: Monika von der Linden)

Natascha Gysin und Küchenchefin Mägi Haas (rechts) besprechen täglich, welche Arbeiten auf sie zukommen. (Bild: Monika von der Linden)

RORSCHACH. Natascha Gysin arbeitet seit einigen Wochen in der Betriebsküche der Heilpädagogischen Schule (HPS). Diese Festanstellung eröffnet der 20-Jährigen die Chance, den Schritt aus dem geschützten Rahmen in den Arbeitsmarkt zu schaffen. «Bevor Natascha die Arbeit in der HPS aufnahm, absolvierte sie bei der Heilpädagogischen Vereinigung Rorschach (HPV) eine Ausbildung zur Hauswirtschafts-Praktikerin», erklärt der HPS-Institutionsleiter, Urs Bösch.

Küchenarbeit ist die schönste

Küchenchefin Mägi Haas ist sehr zufrieden mit ihrer neuen Mitarbeiterin: «Ich gebe sie nicht mehr her.» Nicht nur weil sie grosses Interesse an der Arbeit zeige und gerne lerne. «Ich habe auch von ihr gelernt! Beeinträchtigungen aufgrund einer Lernbehinderung erkenne ich nicht alleine.» Natascha zeige ihr, wie sie mit diesem umgehen müsse. So brauche Natascha beispielsweise länger, bis sie einen Ablauf automatisiert habe. «Wenn ich ihr genug Zeit gebe, eine neue Tätigkeit zu lernen, ist sie eine Entlastung. Dessert und Getränke richtet sie für die hundert täglichen Mahlzeiten längst selbständig», sagt Mägi Haas. Und auch Natascha Gysin freut sich über das Erlernte: «Es macht Spass, wenn ich auf einmal etwas kann.» In ihrer zweijährigen Ausbildung hat die junge Frau zwar auch kochen und putzen gelernt. Die schönste Arbeit ist für sie aber klar die in der Küche.

Entlastung der IV

«Es ist ein berechtigtes Ziel der Invalidenversicherung, Menschen mit Beeinträchtigung in den Arbeitsmarkt zu integrieren», erklärt HPS-Institutsleiter Urs Bösch. «Das Problem ist, der Markt ist nicht bereit, diese Menschen aufzunehmen.» Bei der Einführung der Attestlehre sei vergessen worden, dass es noch ein tieferes Niveau gibt (siehe Kasten). Nun wurde der Graubereich zwischen einer geschützten Werkstatt und einer Attestlehre verkleinert.

Wirtschaftlicher Nutzen

«Der Privatwirtschaft vorzuwerfen, sie wolle Menschen mit Beeinträchtigung nicht einstellen, ist nur bedingt richtig», sagt Bösch. Viele hätten Angst, unbekanntes Terrain zu betreten. «Ich möchte Mut machen, junge Menschen mit einer Praxisausbildung einzustellen. Für unsere Betriebsküche ist Natascha ein klarer Gewinn.» Bösch richtet seinen Appell an das betriebswirtschaftliche Denken in den Unternehmen und ist überzeugt: «Diese Arbeitskräfte rechnen sich.» Natascha brauche zwar mehr Unterstützung, sie könne dafür aber Arbeiten verrichten, die höhere Kosten verursachen, wenn sie von Fachkräften ausgeführt werden. Wer die Arbeitsprozesse in einem Unternehmen dementsprechend aufteile, werde eine wirtschaftliche Optimierung erreichen. Die Belastung für ein Unternehmen werde durch einen Jobcoach verringert. «Ich möchte keine Konfrontation mit Unternehmern, aus der ein Pflichtgefühl entsteht. Nur wenn sich der Arbeitsmarkt aus eigener Initiative bemüht, kann die IV entlastet werden», so Bösch. Die Selbstverständlichkeit, Menschen mit Behinderung unreglementiert zu integrieren, sei verlorengegangen. Das habe begonnen, als man dem Staat zu viel Verantwortung übertragen habe.

Ein vollwertiger Mensch

Damit ein Unternehmen produktiv arbeiten könne, brauche es zufriedene Mitarbeitende. «Natascha fühlt sich wertgeschätzt, angenommen und als vollwertiger Mensch», so Bösch. «Weiter frage ich, wie wenig muss jemand tun, damit er nur so viel verdient?» Natascha erhalte einen Stundenlohn von zehn Franken und Ergänzungsleistungen. Ihre IV-Rente sei aufgrund der Einkünfte angepasst worden. «Die Unterstützungsbeiträge heben Unsicherheiten finanzieller Natur auf», sagt Bösch. Der Unternehmer, der einen Menschen mit PrA einstelle, erhalte eine Arbeitskraft, engagiere sich sozial und erziele betriebswirtschaftlichen Gewinn.