«Ich bin auf keiner Seite. Punkt.»

ST.GALLEN. Er spricht sieben Sprachen, übersetzt Aussagen von mutmasslichen Vergewaltigern, Dieben oder Hehlern. Und möchte manchmal am liebsten einfach nur schweigen: Jegor Meier, Dolmetscher bei der Kantonspolizei St. Gallen.

Malolo Kessler
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Im Verhörraum der Kantonspolizei: Der Tatverdächtige sitzt dem Polizisten gegenüber, der Dolmetscher daneben (gestellte Szene). (Bild: Coralie Wenger)

Im Verhörraum der Kantonspolizei: Der Tatverdächtige sitzt dem Polizisten gegenüber, der Dolmetscher daneben (gestellte Szene). (Bild: Coralie Wenger)

Er trägt einen Schal, obwohl es warm ist. Eine Sonnenbrille, obwohl es bewölkt ist. Und hier trägt er einen Namen, der nicht seiner ist. Zur Sicherheit. «Es gibt viele Verrückte da draussen», sagt Jegor Meier. Einigen von ihnen hat er schon in die Augen geblickt. Der 42-Jährige dolmetscht bei Polizeiverhören. Er übersetzt Aussagen von Tätern und Opfern, die Worte der Polizisten, der Anwälte.

Jegor Meier sitzt im hintersten Winkel eines Cafés in der Innenstadt. Ausser Hörweite der Zeitungsleser, der Kaffeetrinker. Hier spricht er über Sprachen, über Wut und Mitleid. Und erzählt von Beschimpfungen und Bedrohungen.

Schwuchtel, Nazi, Verräter

Der Dolmetscher ist im ehemaligen Ostblock aufgewachsen, hat in Wien Sprachwissenschaften und Philosophie studiert und lebt seit dem Jahr 2002 in der Stadt St. Gallen. Seither arbeitet Jegor Meier auch für die Kantonspolizei. Insgesamt spricht er sieben Sprachen fliessend, deren vier dolmetscht er bei Polizeiverhören: Französisch, Englisch, Russisch und Rumänisch, seine Muttersprache. Als nächstes möchte er Chinesisch lernen. Und Rätoromanisch. «Wer viele Sprachen spricht, versteht die Welt besser.»

Zwischen 60 und 100 Mal pro Jahr wird der Dolmetscher von der Kantonspolizei aufgeboten, manchmal auch mitten in der Nacht. Ein einziges Mal hat er einen Auftrag abgelehnt. «Es war die Einvernahme eines Kaukasiers. Er war sehr aggressiv. Ich mochte mir diese Beleidigungen nicht länger anhören.» Diese Beleidigungen: Schwuchtel, Nazi, Depp, Verräter. Jegor Meier hört sie oft bei seiner Arbeit. Von manchen Tatverdächtigen wird er auch bedroht. «Sie erwarten von mir, dass ich auf ihrer Seite bin, weil ich ihre Sprache spreche», sagt er. «Aber ich bin auf keiner Seite. Punkt.»

Kein Interesse an der Wahrheit

Die Worte eines mutmasslichen Mörders hat er noch nie übersetzt. Aber jene von Dieben, Vergewaltigern, Einbrechern, Hehlern. Jegor Meier interessiert es nicht, ob jemand die Wahrheit sagt oder nicht. Auch nicht, was später mit dem Befragten passiert. Er übersetzt automatisch, und er übersetzt jedes einzelne Wort. Ab und zu tun ihm Verdächtige leid. «Vor allem die jungen Menschen, die ihren Lebenslauf mit einer unbedachten Tat zerstören», sagt Jegor Meier. Er wählt sorgfältig seine Worte, schöne Worte. Und er sagt Sätze wie «Delinquenten haben keine Nationalität.» Oder «Dura lex sed lex» – das Gesetz ist hart, aber es ist das Gesetz. Die Schweizer Gesetze und den Ablauf von Ermittlungsarbeiten muss er Verdächtigen oft erklären. «Manche sind ganz erstaunt, dass sie hier nicht gefoltert werden.»

Vergessen, so schnell es geht

Wütend macht ihn kein Fall. Auch nicht, wenn er einem minderjährigen Vergewaltiger gegenübersitzt. Was im Verhörraum passiert, versucht Jegor Meier zu vergessen. So schnell als möglich. Die Gesichter, die Aussagen. Alles. «In Russland sagt man: <Je weniger du weisst, desto länger lebst du>.»

Manche Einvernahmen dauern viele Stunden. An solchen Tagen geht Jegor Meier abends auf direktem Weg nach Hause. Dort legt er sich auf sein Sofa, ohne Buch, ohne Zeitung, ohne Handy. Und schweigt.

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