Horn oder nicht Horn

In der Region steht die Viehschausaison vor der Tür. Was auffällt: Die Mehrheit der Kühe auf dem Platz sind hornlos. Die Diskussion darum ist kontrovers. Zwei Bauern erklären, warum ihre Kühe Hörner haben oder eben keine.

Flavio Dal Din
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Markus Sutter-Enz (links) hat Kühe mit Hörnern und Heini Stricker hält hornlose Kühe. Doch wichtiger als die Horn-Diskussion ist für beide das Wohl der Tiere. (Bilder: Urs Bucher)

Markus Sutter-Enz (links) hat Kühe mit Hörnern und Heini Stricker hält hornlose Kühe. Doch wichtiger als die Horn-Diskussion ist für beide das Wohl der Tiere. (Bilder: Urs Bucher)

In den nächsten Wochen erhält die Schweiz zahlreiche neue Missen. Die Rede ist nicht von schönen Frauen, die sich im Blitzlichtgewitter räkeln, sondern von Kühen, die für ihr Aussehen und ihre Wirtschaftlichkeit ausgezeichnet werden. Die meisten Kandidatinnen an der Viehschau sind hornlos. Da stellt sich die Frage: Warum haben die einen Hörner und andere nicht?

Respekt gegenüber anderen

Bei dieser Frage gibt es zwei Lager. Von der einen Seite hört man, das Unfallrisiko für Tier und Mensch sei bei Kühen mit Hörnern grösser und auch die Haltung der Tiere aufwendiger. Auf der anderen heisst es, der Eingriff bei den Kälbern sei schmerzhaft und die hornlose Kuh weniger schön. Markus Sutter-Enz hat auf seinem Hof in Waldkirch Kühe mit Hörnern, Heini Stricker hat auf seinem in Mörschwil Kühe ohne Hörner. Beide kennen die Argumente und nennen auch das eine oder andere, wenn sie über ihre Tiere sprechen. Doch beide respektieren auch die Entscheidung der anderen Bauern.

Kühe als Herzenssache

Markus Sutter-Enz hat auf seinem Hof in Waldkirch 14 Kühe, allesamt mit Hörnern. Für ihn ist das keine Frage der Sicherheit oder des Aufwands, sondern vielmehr «eine Herzensangelegenheit». Er sei im Appenzellerland aufgewachsen. Mitsamt Tracht und dem Appenzeller-Hosenträger, auf dem es Kühe mit Hörnern habe. «Das ist für mich Tradition und dazu gehört die Kuh mit Hörnern.» Der 50-Jährige spricht auch von einer Philosophie, die es in seiner Familie gebe. Dabei ist ihm die Natur besonders wichtig. Das zeigt sich auch darin, dass seine Frau in ihrer Praxis für Alternativmedizin auf Naturheilkunde setzt und er seine Tiere nur homöopathisch behandelt.

Markus Sutter-Enz versteht aber auch die andere Seite. «Den wirtschaftlichen Druck spüren auch wir Bauern», sagt er. Um genügend Einnahmen zu generieren, werden die Bauernbetriebe immer grösser. Denn mehr Kühe auf dem Hof bedeuten automatisch auch mehr Milch. «Und Kühe ohne Hörner brauchen weniger Platz und verursachen weniger Aufwand.» Am Ende sei die hornlose Kuh ein Zeichen des entmachteten Bauern, sagt der Waldkircher.

Keine Verletzungen

35 hornlose Kühe hat Heini Stricker in seinem Stall in Mörschwil. Wenige Wochen nach der Geburt werden die Kälber von einem Tierarzt enthornt. Sie werden in Schlaf versetzt, dann lokal betäubt, bevor die Hornanlagen ausgebrannt werden. «Klar surrt es ein wenig, wenn das Kalb aufwacht», erklärt Stricker. Doch das sei beim Menschen nicht anders, wenn er nach einer Operation wieder aufwache. Sein Leben lang habe er als Bauer nur mit hornlosen Kühen zu tun gehabt «Deshalb kommt es mir vor, als gäbe es nichts anderes», sagt der 45-Jährige, der als Präsident des Viehzuchtvereins Mörschwil die dortige Viehschau organisiert. Dass es auf seinem Hof keine Verletzungen wegen Rangkämpfen gebe und dass er mehr Kühe in seinem Laufstall unterbringen kann, spreche für das hornlose Vieh, so Stricker. «Hinzu kommt, dass man es einfacher verkaufen kann.»

Das Wohl der Kuh zentral

Beide Bauern stellen klar, dass es die Entscheidung eines jeden Bauers sei, ob er Kühe mit oder ohne Hörner halte. Viel wichtiger sei ihnen das Wohl der Tiere. «Schlimmer ist es, wenn sich die Bauern gegenseitig bekämpfen», klingt es unisono von beiden. Das sieht auch Christian Manser von der Fachstelle Rindvieh des landwirtschaftlichen Zentrums St. Gallen so: «Diese Diskussion wird oft von Leuten angeheizt, die nicht von der Landwirtschaft kommen.» Es gehe zu viel Energie in dieser Diskussion verloren, «obwohl die Bauern auch sonst genug Herausforderungen haben». Und auch für Manser gilt: «Am wichtigsten ist die Gesundheit der Tiere, und da sind Aspekte der Haltung und der Pflege viel entscheidender.» Die Frage, ob mit oder ohne Horn, ist bei einer Viehschau ohnehin zweitrangig, denn dort zählen Merkmale der Wirtschaftlichkeit.

SCHNITT Vorschau auf Vieschau mit Landwirt, der Kühe ohne Hörner hat: Hans Stricker (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

SCHNITT Vorschau auf Vieschau mit Landwirt, der Kühe ohne Hörner hat: Hans Stricker (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))