HOFFNUNGSVOLL: Die unbeugsame Kämpferin

Die 13-jährige Laura* ist vor einem Jahr als Flüchtling nach Rorschacherberg gekommen. Aus dem schüchternen Mädchen ist eine selbstbewusste junge Frau geworden, die sich ein selbstbestimmtes Leben wünscht.

Sandra Grünenfelder
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Die 13-jährige Laura lebt seit einem Jahr im Durchgangszentrum Landegg in Wienacht. Seit ihrer Ankunft hat sich das Mädchen geöffnet,  steht mutig zu ihrer Meinung und will in Zukunft keine Kopfbedeckung tragen. (Bild: Sandra Grünenfelder)

Die 13-jährige Laura lebt seit einem Jahr im Durchgangszentrum Landegg in Wienacht. Seit ihrer Ankunft hat sich das Mädchen geöffnet, steht mutig zu ihrer Meinung und will in Zukunft keine Kopfbedeckung tragen. (Bild: Sandra Grünenfelder)

Sandra Grünenfelder

sandra.gruenenfelder

@tagblatt.ch

Es gibt wenige Menschen, die mit ihrem Lächeln einen ganzen Raum erfüllen können. Die 13-­­jährige Laura besitzt diese Gabe. Sie sitzt, dick eingepackt in eine Winterjacke, im Schulzimmer des Durchgangszentrums Landegg oberhalb von Rorschacherberg. Unter ihrem seidenen Kopftuch blitzt eine braune Haarsträhne hervor. Ihre grossen dunkeln Augen können jedoch nicht verbergen, dass hinter dem ­ansteckenden Lachen eine schmerzhafte Vergangenheit steckt. «Zahnärztin – das möchte ich gerne werden», sagt sie in perfektem Hochdeutsch. Laura spricht bedacht, achtet genau dar­auf, keinen Grammatikfehler zu machen. Fehlt ihr der passende Ausdruck, schlägt sie ihn in ihrem Wörterbuch nach. Wäre sie Zahnärztin, könnte sie endlich die schlechten Zähne ihres Vaters korrigieren, sagt sie lächelnd. Das wäre in ihrer Heimat nicht möglich gewesen. Wo Frauen systematisch unterdrückt werden, das Haus nicht verlassen dürfen, gibt es für Mädchen wie Laura weder eine Möglichkeit auf Schulbildung noch auf ein Leben in Freiheit.

Das Kopftuch will sie in Zukunft nicht mehr tragen

Seit einem Jahr lebt Laura zusammen mit ihrer Mutter, ihrem Vater und ihrem älteren Bruder im ehemaligen Kur- und Seminarhotel über dem Bodensee. Hierher sind sie vor Krieg und Unterdrückung geflüchtet. Dies ist auch der Grund, warum ihr Name und ihre Nationalität nicht genannt werden sollen. Zu tief sitzt die Angst, dass die Geschehnisse die Familie einholen könnten. Vieles hat sich für Laura in diesem Jahr verändert. War sie bei ihrer Ankunft ein zurückhaltendes und scheues Mädchen, ist sie in den vergangenen zwölf Monaten zu einem selbstbewussten und zielstrebigen Teenager aufgeblüht.

Laura ist die fleissigste Schülerin in der Klasse von Jona Xhemajli. Die Lehrerin des Durchgangszentrums konnte Lauras Entwicklung hautnah miterleben. «Sie hat unglaubliche Fortschritte gemacht.» Sie sei präsenter, mutiger und selbstbewusster. So gibt Laura, wenn es sein muss, auch den männlichen Mitschülern den Tarif durch, steht offen zu ihrer Meinung und möchte später auch kein Kopftuch mehr tragen. «In meiner Heimat erleben Frauen sehr oft Gewalt», erzählt Laura. «Frauen müssen sich verschleiern und dürfen ihre Meinung nicht offen äussern.» Sie wolle aber in ihrem Leben mehr erreichen, als nur eine gute Hausfrau zu sein. In der Schweiz ist sie ihrem Traum, eines Tages Zahnärztin zu werden, einen Schritt näher gekommen. Vor einigen Wochen durfte Laura für einen Tag in eine Zahnarztpraxis in St. Gallen schnuppern.

Wiedersehen mit der verlorenen Schwester

Die Flucht in die Schweiz hat Laura zur Kämpferin gemacht. Sie hat neue Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben, frei von Gewalt und Unterdrückung gefasst. An der Weihnachtsfeier des Landeggs übernahm Laura die Dolmetscherrolle für die Bewohner. Klar und laut übersetzte sie die Rede der Zentrumsleitung. «Ihr selbstbewusstes Auftreten hat uns alle sehr berührt», sagt Xhemajli. Fragt man Laura nach ihrem grössten Wunsch, füllen sich ihre Augen mit Tränen. «Ich wünschte, meine Schwester wäre hier», sagt sie. Seit ihrer Flucht hatte die Familie keinen Kontakt mehr zu der 22-Jährigen. Laura muss sich wieder fassen. Für das Foto stellt sie sich vor die Wandtafel. Mit roter Kreide schreibt sie: «Dankeschön».

*Name geändert