Höhenflug unter den Wolken

Es ist wie in einem Liegestuhl – nur dass man sich dann keinen Fallschirm auf den Rücken gepackt hätte. Und nicht mit drei Gurten angeschnallt wäre. Oder von einem langen Seil in die Luft gespickt würde. Segelfliegen ist ein besonderes Erlebnis.

Livia Büchler
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Nicht über, sondern unter den Wolken, lautet das Credo der Segelflieger; Blick aufs Rhein-Delta. (Bild: Livia Büchler)

Nicht über, sondern unter den Wolken, lautet das Credo der Segelflieger; Blick aufs Rhein-Delta. (Bild: Livia Büchler)

Kein Motor, kein Schleppflugzeug, nur eine Seilwinde zieht das Flugzeug in die Luft. Mit einem kurzen Ruck löst sich die Leine. Lautlos gleitet der Segelflieger dahin, während die Leine an einem winzigen Fallschirm zurück auf den Boden segelt. Ab und zu ein Funkspruch vom Airport, ansonsten ist es still. Und dank der Glashaube muss die Nase für einmal nicht an dem kleinen Flugzeugfenster plattgedrückt werden, um die Felder und Häuschen zu sehen.

Mit Sauerstoff und Pampers

«Jeder Flug ist ein Genuss», sagt Fluglehrer Markus Hösli begeistert. Der 73-Jährige ist schon lange dabei und kennt die Schweiz aus der Vogelperspektive. Er schwärmt vom Anflug auf das Matterhorn, wo er beim Vorbeifliegen die Bergsteiger gegrüsst habe. Da die Segelflieger sich für die Akklimatisation jedoch nicht so viel Zeit nehmen wie diese, brauchen sie Sauerstoff, sobald sie sich von den Aufwinden in höhere Lagen treiben lassen. Und Pampers. Denn ein Langstreckenflug könne bei guten Bedingungen gerne mal sieben oder acht Stunden dauern und die Fliegenden müssen dabei viel trinken.

Nichts für Draufgänger

Damit die 350 Kilo, die ein Einsitz-Segelflieger etwa wiegt, in der Luft bleiben, brauche es mindestens 70 km/h, sagt Pius Stolz aus Rorschacherberg, Präsident der Segelflug- Gruppe Säntis. Dass dies doch einiges ist, wird insbesondere in den steilen Kurven spürbar, wenn einen die Fliehkraft so in den Sitz drückt, dass man froh ist, dass dieser bequem wie ein Liegestuhl ist. Es wirkt, als wäre die Erde doch keine Kugel, sondern eine gekippte Scheibe, so schräg gleitet die Landschaft unter dem Flugzeug dahin. Ist Segelfliegen also etwas für Adrenalin-Junkies? «Nein», sagt Stolz, «im Gegenteil: Segelfliegen ist für alle, nur nicht für Draufgänger.» Es braucht für die Ausbildung zwar einen medizinischen Test, es gibt aber keine Altersgrenze. Die jüngste Schülerin von Hösli ist denn auch 17 Jahre alt, der älteste 69. Stolz bezeichnet Segelfliegen als sicheren Sport. Wichtig sei vor allem eine gute Beobachtungsgabe, genügend Höhe und immer eine Möglichkeit zum Landen. Auch wenn man dabei – zumindest wenn alles gutgeht – nicht ins Schwitzen kommt, muss ein Flieger doch fit sein, um mit den Höhenunterschieden auszukommen und das Flugzeug nach einem mehrstündigen Flug landen zu können.

Kein Einzelsport

«Die meisten Segelflieger bieten zwar nur Platz für eine Person, Segelfliegen ist aber kein Einzelsport», sagt Hösli. Zumindest in Altenrhein nicht. Die Vereinsmitglieder sind fast jedes Wochenende in der Luft und helfen sich bei den 30 Starts, die ein Pilot im Jahr machen sollte, um routiniert zu bleiben. Im Gegensatz zu den Starts mit der Winde wirkt der Sinkflug zur Landebahn nun ziemlich gemächlich. Fast gleichzeitig setzen die Räder auf der Wiese auf, und nach kurzem Holpern steht der Flieger wieder, wo er zehn Minuten vorher stand – ohne einen Tropfen Kerosin verbraucht zu haben.