Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

HISTORISCHE UND VÖLKERKUNDEMUSEUM ST.GALLEN: Ein Museum zieht um - zum ersten Mal seit 100 Jahren

Das Historische und Völkerkundemuseum kann endlich seine Lager im Estrich und im Kirchhoferhaus in den Schutzraum zügeln. Seit 100 Jahren wird die komplette Sammlung zum ersten Mal verschoben.
Elisabeth Reisp
Hinter den Kulissen herrscht Ausnahmezustand. Mitarbeiterinnen in Anzügen zum Schutz gegen giftige Chemikalien zügeln Zehntausende Objekte. (Bild: Benjamin Manser)

Hinter den Kulissen herrscht Ausnahmezustand. Mitarbeiterinnen in Anzügen zum Schutz gegen giftige Chemikalien zügeln Zehntausende Objekte. (Bild: Benjamin Manser)

Elisabeth Reisp

elisabeth.reisp@tagblatt.ch

«Dieses Stück zum Beispiel – wir haben keine Ahnung, woher das kommt.» Sammlungsleiter Achim Schäfer dreht achselzuckend eine Ganesha-Figur in den Händen. Die hinduistische Gottheit hat einen Elefantenkopf und einen menschlichen Körper. Wie dieses Abbild einer Gottheit, die hauptsächlich in Indien angebetet wird, ins Historische und Völkerkundemuseum nach St.Gallen kam, möchte Schäfer irgendwann herausfinden. Jetzt ist er aber vorderhand mit dem grossen Umzug der Sammlung in den Kulturgüterschutzraum im Stadtpark beschäftigt. Zum ersten Mal seit Bestehen des Museums, also seit fast 100 Jahren, wird die Sammlung komplett gezügelt. Dabei kommen viele Dinge zum Vorschein, die nicht oder mangelhaft katalogisiert sind. Auch tauchen Exponate auf, die aufgrund der ungünstigen Lagerbedingungen zerstört sind. «Totalschaden», sagt Schäfer dazu.

Daher ist der Umzug weit mehr, als Kisten von A nach B zu verschieben. Es ist eine Möglichkeit, die komplette Sammlung aufzuräumen, zu katalogisieren, zu säubern und zu entrümpeln. Dazu ist eine zweijährige Vorbereitung und vermutlich eine monate- bis jahrelange Nachbereitung notwendig. Das Zügeln ist nur die Spitze des Eisberges.

Im Sommer 40 Grad, im Winter bitterkalt

1921 wurde das Historische und Völkerkundemuseum an der Museumstrasse gebaut. Lagerräume wurden keine eingeplant. «Damals galt die Ausstellungsdoktrin, einfach alles zu zeigen», sagt Museumsdirektor Daniel Studer. Das Museum, respektive seine Sammlung, wurde aber grösser und grösser. Es mietete in der ganzen Region Scheunen und Lagerräume, um seinen Fundus unterzubringen. Zuletzt lagerte alles im Kirchhoferhaus und auf dem Estrich. Vor allem letzterer ist ein denkbar schlechter Lagerraum für die teilweise sehr empfindlichen Exponate. «Für organische Stücke, etwa aus Leder oder Holz, ist das Klima im Estrich schädlich: Im Sommer ist es dort bis zu 40 Grad heiss, im Winter sehr kalt und sehr trocken», sagt Studer.

Mit dem Auszug des Naturmuseums aus dem benachbarten Kunklerbau ist ein grosser Teil des gemeinsamen Kulturgüterschutzraums unter den beiden Museen frei geworden. Endlich kann das Historische und Völkerkundemuseum seine Sammlung in einem geeigneten und klimatisierten Lager unterbringen. Für die komplette Sammlung reicht der Platz im Schutzraum aber nicht. Stücke aus beständigen Materialien wie Eisen, etwa die unzähliger Speere und Hellebarden, Schwerter und Helme, bleiben daher auf dem Dachboden.

Einiges wird verkauft werden

Für einige Gegenstände kommt der Auszug zu spät. «Vereinzelte Stücke müssen wir entsorgen», sagt Sammlungsleiter Schäfer. Wieder andere sind in einem Zustand, der eine Aufbewahrung in einem Museum nicht mehr rechtfertigt. Auf dem Estrich stehen beispielsweise riesige, alte Schränke, die aufgrund ihrer schieren Grösse, ihres geringen historischen Wertes und ihres Zustandes vermutlich nie mehr in einer Ausstellung gezeigt werden. «Was wir nicht behalten, werden wir in Auktionshäusern verkaufen», sagt Studer. Was schliesslich alles auf die «Raus!»-Liste kommt, wird aber erst bei Abschluss des Umzuges feststehen.

Bis dahin wird jedes Stück, wenn es in die Hand genommen wird, zuerst auf seine ordentliche Katalogisierung geprüft: Wurde es fotografiert? Wann wurde es dem Museum zugeführt und wie? Aus welcher Zeit stammt es? Zu welcher Sammlung gehört es? In einem digitalen Archiv wird alles erfasst. Auch die Eingangsbücher der früheren Jahrzehnte werden in diesem Prozess digital aufgenommen.

Für die groben Zügelarbeiten werden externe Fachmänner aufgeboten. «Für alle anderen Arbeiten haben wir befristet zusätzliche 300 Stellenprozente besetzen können», sagt Daniel Studer. Denn der Aufwand sei enorm. Weil früher bei der Präparation mit chemischen Mitteln gearbeitet wurde, die heute als gesundheitsgefährdend gelten, müssen die Mitarbeiter bei der Zügelarbeit zudem Schutzanzüge tragen. «An vieles musste gedacht werden. Wenn es geschafft ist, hat es sich sicher aber gelohnt.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.