HISTORISCH: Grünliberale kippt CVP aus dem Stadtrat

Sonja Lüthi von den Grünliberalen hat Boris Tschirky von der CVP im zweiten Wahlgang überraschend klar hinter sich gelassen. Die GLP schafft zum ersten Mal den Sprung in den Stadtrat. Und die CVP ist zum ersten Mal seit 100 Jahren draussen.

Daniel Wirth
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Nach einem anstrengenden Wahlkampf: Sonja Lüthi nimmt die Glückwünsche von Boris Tschirky entgegen. (Bild: Ralph Ribi)

Nach einem anstrengenden Wahlkampf: Sonja Lüthi nimmt die Glückwünsche von Boris Tschirky entgegen. (Bild: Ralph Ribi)

Daniel Wirth

daniel.wirth@tagblatt.ch

10096 Stimmen konnte die 36-jährige Geografin und Ökonomin Sonja Lüthi am Sonntag im zweiten Wahlgang auf sich vereinen. Damit holte sie sich beinahe doppelt so viele Stimmen wie im ersten Wahlgang vom 24. September, als 5844 Wählerinnen und Wähler für sie eingelegt hatten – und dies bei einer guten, aber doch klar tieferen Wahlbeteiligung als im ersten Wahlgang. Aus dem erwarteten Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der grünliberalen Kandidatin und dem Christdemokraten Boris Tschirky, der für die CVP den Sitz des im September verstorbenen Sozial- und Sicherheitsdirektors Nino Cozzio verteidigen wollte, wurde eine doch überraschend klare Angelegenheit, um nicht zu sagen ein Erdrutschsieg.

Der Gemeindepräsident von Gaiserwald holte im zweiten Wahlgang 6966 Stimmen, nur unwesentlich mehr als im ersten Wahlgang, als er mit 6872 noch am meisten Stimmen von fünf Kandidierenden geholt hatte. Das zeigt: Boris Tschirky, der als Favorit zu dieser Ersatzwahl angetreten war, schöpfte sein Potenzial bereits im ersten Wahlgang beinahe vollständig aus. Die Stimmen von Jürg Brunner (SVP), der im ersten Wahlgang 3133 Stimmen verbuchen konnte und danach die Segel strich, wanderten in der zweiten Ausmarchung jedenfalls nicht zum CVP-Kandidaten.

Sonja Lüthi konnte sehr viele Stimmen erben

Im Gegensatz dazu gingen die Stimmen, die Andri Bösch von den Juso (2255) und dienigen von Ingrid Jacober (1769) von den Grünen im ersten Wahlgang machten, uneingeschränkt zu Sonja Lüthi über – und nicht nur diese Stimmen: Die Grünliberale machte auch Stimmen im bürgerlichen Lager. Das zeigt: Die städtische bürgerliche Allianz war kein Pro-Tschirky-Bollwerk, sondern vielmehr ein wackliges Kartenhaus, das im Wahlkampf je länger, je mehr zusammenbrach und gestern vorläufig als Trümmerhaufen da lag. Und das deutliche Wahlergebnis zu Gunsten Sonja Lüthis zeigt auch: Wahlempfehlung von Parteispitzen oder -versammlungen sind das eine, was die Basis tut, ist das andere.

Grünliberale haben Wind unter den Flügeln

Die Grünliberalen sind ab 2018 mit Sonja Lüthi zum ersten Mal in der St. Galler Stadtregierung vertreten. Die GLP ist im Aufwind. Bei den Parlamentswahlen im September vergangenen Jahres gewann die Kleinpartei einen Sitz hinzu, kam auf fünf Mandate und politisiert seit Anfang 2017 im Stadtparlament als eigene Fraktion. Mit Sonja Lüthi nominierte die GLP eine Kandidatin, die schon im Stadtparlament politisiert hatte und Mitglied des Kantonsrates ist. Klug war von der GLP, dass sie eine Frau auf den Schild hob, nicht irgendeine Frau freilich, sondern eine profilierte mit politischer Erfahrung. Der Ruf nach einer zweiten Frau im Stadtrat war in den Podien im Wahlkampf regelmässig zu hören. Die Solidarität unter den Frauen scheint bei der Wahl Sonja Lüthis gespielt zu haben. Zwischen 2001 und 2012 waren ohne Unterbruch zwei Frauen im Stadtrat: von 2001 bis 2004 Liliane Ruckstuhl (FDP) und Elisabeth Beéry (SP) und von 2005 bis 2012 Elisabeth Beéry und Barbara Eberhard (CVP). Von 2012 bis Ende dieses Jahres ist nur eine Frau im Stadtrat vertreten: seit Anfang 2017 Maria Pappa (SP) und die vier Jahre zuvor Patrizia Adam (CVP). Mit der Wahl Lüthis ist das Verhältnis Mann: Frau im Stadtrat ab 2018 wieder 3:2. Doch nicht nur diesbezüglich ist der Stadtrat am Sonntag ins Rutschen geraten: mit der Wahl der Grünliberalen rutscht der Stadtrat etwas nach links. Lüthi und Tschirky unterscheiden sich in ihrem politischen Programm zwar nicht fundamental, Lüthi ist dennoch links der Mitte anzusiedeln, während Tschirky stramm bürgerlich ist.

Keinen Einfluss auf das Wahlergebnis hatte Roland Uhler von den Schweizer Demokraten. Er tauchte wie Phönix aus der Asche vor dem zweiten Wahlgang als Kandidat auf. Er holte 668 Stimmen und blieb eine Randerscheinung.

Lüthi war überwältigt und hat Respekt vor der Aufgabe

Sonja Lüthi sagte unmittelbar nach Bekanntwerden der Resultate: «Ich bin überwältigt.» Mit einem derart eindeutigen Ausgang der Wahl habe sie nicht gerechnet. Sie freue sich auf ihre neue Aufgabe als Stadträtin, vor er sie aber auch Respekt habe. Eine Erklärung weshalb sie Boris Tschirky im zweiten Wahlgang förmlich überflügelte, hatte Lüthi nicht. Sie habe einen engagierten Wahlkampf geführt und sei belohnt worden.

Boris Tschirky wollte seine deutliche Wahlniederlage gestern nicht kommentieren; dafür sei zuerst eine gründliche Analyse nötig. Er war enttäuscht, das war im anzusehen. Die Frage, ob er von der angeblichen bürgerlichen Allianz zu wenig getragen worden sei, wollte Tschirky nicht beantworten. Der CVP-Politiker zeigte im Moment der Niederlage Grösse. Er unterliess es nicht, Sonja Lüthi zum Wahlerfolg zu gratulieren.