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HIP HOP: Rap aus dem Gossauer Untergrund

Hip-Hop «The Kids of the Stoned Age» rappen wie ihre amerikanischen Vorbilder der 1990er-Jahre. Der Musikstil «Boom Bap» ist zwar schon längst aus der Mode. Der Musik aus dem Untergrund tut das aber nur gut.
Sebastian Schneider
Kehren das Rad der Zeit zurück: DJ Ham-E und die Rapper Thomson, Diggedy und Samsei (von links). (Bild: Michel Canonica)

Kehren das Rad der Zeit zurück: DJ Ham-E und die Rapper Thomson, Diggedy und Samsei (von links). (Bild: Michel Canonica)

Sie rappen auf dem Güterbahnhof in Gossau, unter der Autobahnbrücke im Sittertobel, vor versprayten Betonwänden, im Auto und natürlich auch im Bandrümli, das sich in der Nähe des Gossauer Bahnhofs im Industriegebiet befindet. Am Mikrofon sind Tom alias Thomson, Samuel alias Samsei und Dario alias Diggedy. Zusammen mit Simon, dem akribischen DJ Ham-E, treiben die St. Galler den Rap technisch auf einen Level, den man in der Deutschschweiz so noch nie hörte. Das Manko des Dialekts überspielen die St. Galler mit rhythmisch einwandfreiem Rap, Doppelreimen und witzigen Vergleichen. Damit finden die «Kids of the Stoned Age» im ganzen deutschsprachigen Raum Anerkennung. Die Männer reiten auf einer Retrowelle, die den Hip-Hop der 1990er-Jahre nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz zurückholt. «Boom Bap», wie das Subgenre heisst, ist zurück.


«Echte» Rapper dürfen nicht zu viel Geld verdienen

Die Hip-Hopper, zwischen 26 und 37 Jahre alt, haben nichts zu tun mit der Rockband «Queens of the Stone Age». Vielmehr deutet die Ableitung «Stoned» auf die Cannabis-Boom-Jahre vor der Jahrtausendwende hin. In dieser Zeit gab es in der Stadt St. Gallen mehr Hanfläden als Kebab-Imbisse. Auch der Hip-Hop erlebte einen Boom, man spricht heute auch von der goldenen Ära des Hip-Hop (siehe Kasten). Gegen Ende der 1990er-Jahre wurde auch deutscher und Schweizer Hip-Hop populär. Deshalb war es den Untergrund-Rappern wichtig, sich vom Kommerz abzugrenzen. Und genau diese Haltung, die schon längst verloren schien, haben die «Kids of the Stoned Age» beibehalten. «Erfolg ist uns nicht wichtig», sind sich die Hobby-Musiker einig. Das Geld, das sie an Konzerten oder mit Plattenverkäufen verdienen, stecken die vier Männer wieder in die Musik. «Insgesamt legen wir Geld drauf», sagt Dario im Bandrümli. Wichtiger als Geld ist den drei Rappern und dem DJ der Respekt, den sie sich über all die Jahre hartnäckig erarbeitet haben. Nun kommen die «Kids» auch an Konzerten in Deutschland gut beim Publikum an. Natürlich habe man auch schon Konzerte vor wenigen Zuhörern gegeben. «Unsere Musik befindet sich halt in einer Nische», erklärt DJ Ham-E. Doch das sei gar nicht so schlecht für sie. Schliesslich sei man als Untergrund-Band nur wirklich authentisch, solange kein grosser kommerzieller Erfolg erzielt werde.


Beste Voraussetzungen für den Untergrund-Rap

Da «Boom Bap» heute nicht in Mode ist, sind die Bedingungen für den Hip-Hop aus dem Untergrund also gar nicht so schlecht. Dank sozialer Netzwerke hat sich im Internet eine Gemeinschaft gebildet, die nach wie vor an diesem «Boom Bap» hängt. Und so spielen Landesgrenzen noch weniger eine Rolle als früher. Die «Kids of the Stoned Age» produzieren Beats auch mit Produzenten aus Russland oder Brasilien. Die heutige Technik erlaubt es zudem, die Beats so dumpf wie früher klingen zu lassen.

An den Tonträgern hat sich kaum etwas geändert: «Unsere ersten Texte haben wir auf Tapes aufgenommen», verraten die Bandmitglieder, die sich im Jahr 2012 zu den «Kids» formierten. Sind einige Lieder ausgereift, wird die Musik auf echte Schallplatten gepresst. Sonst ist die Musik online auf Plattformen und Streamingdiensten wie «Youtube» zu finden. Thomson, Samsei und Diggedy haben im Moment zahlreiche Lieder in der Pipeline. Eine neue Platte sollte noch in diesem Jahr herauskommen. Hinzu kommen mehrere Projekte, welche die Rapper einzeln oder zu zweit zu Ende bringen wollen.

Beim ersten Wurf, der Kurzspielplatte «Rohmaterial», wirkte noch «Mista Classic» mit, der vierte Rapper der Gruppe. Seit einem Jahr geht Gianluca aber seinen eigenen Weg und versucht sein Glück in Deutschland. Als einziges Bandmitglied rappte er auf Hochdeutsch und fand mit seinen Sololiedern mehr Publikum als die Band selber, was sich etwa an den Klickzahlen auf «Youtube» zeigt.

Es dauerte einige Jahre, bis die Mitglieder zusammengefunden haben. Samuel und Tom haben sich bereits in der Oberstufe in Waldkirch kennen gelernt. Schon als sie mit dem Skateboard unterwegs waren, übten sie rappen und arbeiteten an ihrem Stil. Als Dario und Gianluca dazu stiessen, spornten sich die jungen Männer noch mehr dazu an, ihre Raptechnik auf ein neues Level zu heben. Die talentierten Rapper fielen auch DJ Ham-E auf. Er wiederum sei der beste Hip-Hop-DJ der Ostschweiz, finden die Rapper. Der 37-Jährige produziert auch Beats für DJ E.S.I.K., das Urgestein des St.Galler Rap.

Goldene Ära des Hip Hop

Ab dem Jahr 1990 begannen Hip-Hop-DJs ihre Beats rhythmisch und melodisch zu reduzieren, wodurch der Hip Hop härter wurde. Mit dem Sprechgesang war irgendwann Schluss, Gangster- und Battle-Rap etablierten sich. Es war die goldene Zeit des Hip Hop, als «The Wu-Tang Clan», «A Tribe Called Quest», «Rakim», «Gang Starr», «Cypress Hill» und viele andere Crews den Rap technisch auf das höchste Level trieben.
In Deutschland entwickelte sich etwas später eine eigene Szene. Der Stil wich jedoch vom amerikanischen Vorbild ab. Kool Savas und Samy Deluxe galten als die besten Rapper Deutschlands. Heute ist es «Retrogott», der den «Boom Bap» in Deutschland am stärksten prägt. «Retrogott» macht das gleiche wie die «Kids Of The Stoned Age» in der Schweiz: Er macht «Boom Bap», und er macht ihn technisch besser als seine Vorgänger. (ses)




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