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Hinter den Kulissen im alten Theater

1971 wurde das alte Stadttheater abgerissen. Es hatte seit Mitte des 19. Jahrhunderts das Bild des «Theaterplatzes», des heutigen Bohls, massgeblich mitgeprägt. Diesen Herbst weckt die Kellerbühne in einer szenischen Lesung Erinnerungen ans altehrwürdige Theaterhaus.
Matthias Peter
Das Hotel Hecht und rechts daneben das alte Theater um 1870.

Das Hotel Hecht und rechts daneben das alte Theater um 1870.

Theater wird in der Stadt St. Gallen seit 1801 gespielt. Damals bezog die «Deutsche Löhlein'sche Theatergesellschaft» die ehemalige fürstäbtliche Wagenremise zwischen Karls- und Spisertor (heute befindet sich hier das Hauptquartier der Kantonspolizei). Vier Jahre später, 1805, gründete Karl Müller-Friedberg die Theater-Aktien-Gesellschaft und damit das erste feste Berufstheater der Schweiz. Bis 1855 blieb dieses in der Remise am Karlstor beheimatet.

Neubau im Klostergarten

Die Bürger der prosperierenden Textilstadt St. Gallen massen dem Theater eine derart grosse Bedeutung als Bildungsstätte zu, dass sie Mitte des 19. Jahrhunderts den Architekten Johann Christoph Kunkler mit einem Theaterbau beauftragten. Als Baustelle auserkoren wurde der Klostergarten von St. Katharinen am Marktplatz. 1857 wurde hier in einem schlicht gehaltenen Funktionsbau das neue Stadt- und Aktientheater am Bohl eröffnet. Bis 1914 wurde es im Pachtsystem, danach unter der Leitung besoldeter Direktoren bespielt. Dreimal (1906, 1929, 1938) wurde das Theaterhaus umgebaut und erweitert. Es blieb bis 1968 in Betrieb. Seine Tore fürs Publikum schloss es am 31. Januar 1968 mit einer Aufführung von Carl Millöckers Operette «Der Bettelstudent».

1966 war unter Leitung der Architekten Claude Paillard, Werner Jaray, Fred Cramer und Peter Leemann im Grossmannspark mit dem Bau eines neuen, modernen Stadttheaters begonnen worden. Am 15. März 1968 wurde der Neubau, in dem das Theater bis heute untergebracht ist, mit einer Aufführung von Beethovens «Fidelio» eingeweiht. Damit waren die Tage des alten Theaters am Bohl gezählt: 1971 wurde es abgerissen.

Symbol für Bauspekulation

Damit ging nicht nur eine Ära zu Ende, sondern es startete gleich auch eine unendliche Baugeschichte. Es dauerte nämlich zwei Jahrzehnte, bis die Baulücke am zentralen Platz der St. Galler Altstadt geschlossen wurde. Zuerst wurde der ehemalige Standort des Theaters als Parkplatz genutzt. In der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre scheiterte ein Bauvorhaben und hinterliess eine sich mit Regenwasser füllende Grube. Darin zog einmal ein Entenpaar Junge gross. Mindestens einmal musste die Polizei auch einen Betrunkenen, der sich zu weit vorgewagt hatte, aus dem Wasser fischen. Die Grube wurde zum Symbol für Bauspekulation und Ende der 1980er-Jahre von Demonstranten deshalb als «Swimmingbohl» verspottet. Dieses Motiv wurde von Fasnächtlern dankbar aufgenommen. Anfang der 1990er-Jahre wurde die Baulücke endlich geschlossen: 1991 eröffnete der «Markt am Bohl», in dem sich seither McDonald's befindet.

Erster St. Galler Stadtroman

Das alte Theater am Bohl ist der Hauptschauplatz im ersten modernen St. Galler Stadtroman. «Die Brokatstadt» wurde von Redaktor und Schriftsteller Viktor Hardung (1861–1919) geschrieben. St. Gallen wird darin beschrieben als eine kleine Handelsstadt, die sich «um einen Klosterhof geschlossen, ein enges Tal gefüllt und die Hügelzüge erklommen» hat. Sie betreibe ein eigenes Textilgewerbe, «das über die Jahrhunderte zu einer Kunst gesteigert» worden sei. Das Theaterpublikum beschreibt Hardung, der beim St. Galler Tagblatt auch als Theaterkritiker tätig war, als anspruchsvoll. Die Schauspieler wüssten, dass sie «eine zu Vergleichen geneigte Gesellschaft zu unterhalten» hätten. «Denn die Leute, die in dem kleinen Theater sitzen, sind an erlesene szenische Genüsse gewöhnt. Werden sie doch durch ihre Geschäfte von Weltstadt zu Weltstadt geführt.» Als Schauspieler gehe man nur gezwungen in diese Verbannung.

Doppelmoral, Liebe und Tod

Die Handlung des 1909 erschienenen Romans dreht sich ums städtische Theaterleben, um den damaligen Stand der Bühnenkunst und ums Ringen um einen neuen Aufführungsstil, wie der von 1907 bis 1914 wirkende Direktor Paul von Bongardt ihn anstrebte. Der Roman geht aber auch auf die Stellung der Schauspieler in der Gesellschaft, auf bürgerliche Doppelmoral, Liebschaften und Tod ein. Unter dem Titel «Kulissenklatsch!» setzt ihn die Kellerbühne diesen Herbst als Melodrama um einen Theaterkritiker, einen Regisseur und eine Schauspielerin in Szene. Sie versucht damit, einen lebendigen Einblick in das St. Galler Kulturleben an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zu geben.

«Kulissenklatsch! Ulrich, Karl, Lora & das alte Theater am Bohl»: 30. und 31.10., je 20.00, sowie 1.11., 11.00, Kellerbühne St. Gallen

Der Theaterplatz, der heutige Bohl, mit Hotel Hecht und dahinter dem alten Theater um 1900. (Bilder: Stadtarchiv St. Gallen und Sammlung Reto Voneschen)

Der Theaterplatz, der heutige Bohl, mit Hotel Hecht und dahinter dem alten Theater um 1900. (Bilder: Stadtarchiv St. Gallen und Sammlung Reto Voneschen)

Der Theaterplatz um 1886. Rechts das alte Theater, links daneben das Hotel Hecht.

Der Theaterplatz um 1886. Rechts das alte Theater, links daneben das Hotel Hecht.

Das alte Theater um 1910. Rechts die Einmündung der Katharinengasse.

Das alte Theater um 1910. Rechts die Einmündung der Katharinengasse.

Blick von der Bühne in den Zuschauerraum des alten Theaters.

Blick von der Bühne in den Zuschauerraum des alten Theaters.

Der Ballettsaal im alten Theater 1968, fotografiert von Pius Rast.

Der Ballettsaal im alten Theater 1968, fotografiert von Pius Rast.

Volle Ränge im alten Theater kurz vor der Schliessung im Jahr 1968.

Volle Ränge im alten Theater kurz vor der Schliessung im Jahr 1968.

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