Hin und schnell wieder weg

Der NZZ-Medienredaktor Rainer Stadler wird mit dem Ostschweizer Radio- und Fernsehpreis ausgezeichnet. Wer ist der Mann hinter dem Journalisten? Wie ist er aufgewachsen? Ein Rundgang durch seine Heimatstadt Gossau.

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Der verlorene Sohn kehrt zurück. NZZ-Medienredaktor Rainer Stadler zu Besuch in seiner Heimatstadt Gossau. (Bild: Urs Jaudas)

Der verlorene Sohn kehrt zurück. NZZ-Medienredaktor Rainer Stadler zu Besuch in seiner Heimatstadt Gossau. (Bild: Urs Jaudas)

Gossau. Weg. Irgendwohin, wo ihn niemand kennt. Keine festen Strukturen mehr, keine Eintönigkeit. Und keine Kirchenbesuche. Einige Jahre Zürich, dann Paris, dann wieder Zürich. Und heute steht Rainer Stadler da, wo er vor 33 Jahren abgereist ist: am Bahnhof Gossau.

Braune Jacke, brauner Lockenkopf. Blaues Hemd, passend zu den Augen. Neugierig wandern sie umher, bleiben an einem alten Mehrfamilienhaus aus den 50er- Jahren hängen. Violette Fassade, rote Fensterläden. «Gschwendshaus» steht unter dem aufgemalten Bild mit dem Holzfäller. «Das gibt's ja nicht», ruft Rainer Stadler überrascht, «dass dieses Bild noch da ist, hätte ich nun wirklich nicht gedacht.» Es ist das Haus, in dem er aufgewachsen ist, dritter Stock, schräg gegenüber vom Bahnhof. Aber damals sei es beige gewesen, sagt er. Beige mit grünen Fensterläden. «Oder waren es braune?»

Am Sonntag im «Quellenhof»

Einige Minuten später sitzt er im Restaurant Quellenhof, Bahnhofareal, nippt an seinem Espresso und erzählt. Von den sonntäglichen Mittagessen hier mit seinen beiden älteren Brüdern und seinen Eltern («die Mutter musste ja auch mal entlastet werden»). Vom früheren Wirt, den er wegen dessen Hund stets «Herr Dackel» nannte. Und von sich. Wie er nach seinem Philosophie- und Literaturstudium in einem Pressebüro arbeitete und sich später auf ein Inserat der «Neuen Zürcher Zeitung» bewarb, obwohl er früher bei den Schulaufsätzen auch mal schlechte Noten nach Hause brachte.

Dann beginnt sie, die Tour durch Gossau, durch die Kindheitserinnerungen von Rainer Stadler. Vorbei an seinem Elternhaus mit der Wiese, wo er mit den Nachbarskindern Fussball spielte und daneben am Zweimeterhängchen seine ersten Fahrversuche mit den Ski unternahm. Und vorbei am Betonturm der Firma Nafag. Rainer Stadler reckt den Hals, schnuppert. «Diesen Duft kenne ich.» Körnchen, Heu: Tierfutter. «Es riecht genau wie damals.» Damals, das war vor 43 Jahren. Als er als Zehnjähriger mit dem Velo und den Nachbarskindern durch das Industriequartier flitzte, später die VW-Käfer vom Autofriedhof die Rampe des Güterbahnhofs hinaufschob, sich hineinsetzte, um anschliessend die Rampe hinunterzufahren.

Mühe mit dem Abc

Und hinunter führt auch der Weg, den Rainer Stadler eingeschlagen hat. Der Weg zum Kindergarten. Er lächelt. «Die Blumen am Fenster, sie sind noch immer da. Aber wohl nicht dieselben.» Dann runzelt er die Stirn. «Aber die Wiese ist kleiner geworden, das Haus hier stand damals noch nicht.» Er geht weiter, biegt links ab, biegt rechts ab. Und vor ihm steht das Gallus-Schulhaus, in dem er zur Schule ging. Und dort, hinter den Fenstern im Erdgeschoss, hat der 53-Jährige das Abc gelernt. Wobei lernen wohl das falsche Wort ist: «Meine Mutter hat zu Beginn meiner Primarschulzeit festgestellt, dass ich eigentlich gar nicht lesen konnte. Ich hatte mir offenbar lediglich die Buchstabenkombinationen eingeprägt.» Er deutet auf ein mittlerweile etwas heruntergekommenes Haus mit Giebeldach auf der anderen Seite des Schulhauses: «Hier habe ich die letzten drei Jahre gewohnt, bevor ich weggezogen bin.» Am Eingang hängt die israelische Flagge, «Bürgli-Galerie» steht darunter geschrieben. Eine Galerie ist es jedoch schon lange nicht mehr.

An der St. Gallerstrasse angekommen, geht Rainer Stadler nach links, spaziert am Restaurant Toggenburg vorbei, in dem er früher oft war und in das er später noch einkehren und in der Weinkarte erfolglos nach dem österreichischen «Kalterer» suchen wird. Er überquert die Strasse. Der Aufstieg zum Gymnasium Friedberg beginnt.

Die Erkenntnis unter dem Baum

Das «Friedberg» war Rainer Stadler suspekt. Zu eng, zu katholisch. So besuchte der Sohn des St. Galler Staatsschreibers lieber die Kantonsschule in St. Gallen. Auch heute verliert er kein Wort über das Gymnasium, spricht lieber über das Haus gegenüber, in dem seine Grosseltern lebten. Wo es statt WC-Papier noch Zeitungen gab und wo seine Grossmutter jeweils Orangenschalen auf der Veranda ausbreitete, um die Fliegen fernzuhalten. Von hier aus unternahm er oft Spaziergänge mit seinem Grossvater, hinauf zum Aussichtspunkt mit den Linden.

Stadler besuchte die fünfte und sechste Klasse im Schulhaus Notker, anschliessend die Sekundarschule gegenüber. Jetzt steht er auf dem Notker-Pausenplatz, bei dem an Kies nicht gespart wurde. Er watet zu einem der vielen Kastanienbäume. «Genau hier stand ich, als ich das Gefühl hatte, erwachsen zu werden. Kennen Sie das?» Der Weg führt weiter zum Friedhof, zum Familiengrab. Und hinunter zur Migros, die damals gebaut wurde. «Das war eine heikle Sache» erzählt Rainer Stadler. «Die Migros war eine harte Preiskonkurrenz fürs heimische Gewerbe. Dort einzukaufen, war fast schon ein unpatriotischer Akt.» In zwei Minuten fährt sein Zug. Er verabschiedet sich hastig. So, als fiele ihm der Abschied von seiner Heimatstadt leicht. Martina Kaiser

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