«Hier bleibe ich, bis ich sterbe»

An der verkehrsreichsten Strasse des Kantons, dem Unteren Graben, gibt es nicht nur Autos, sondern auch Menschen, die nie mehr woanders leben möchten. Der Verkehrslärm stört sie weniger als laute, sich erbrechende Jugendliche.

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Ein spontaner Schwatz unter Nachbarn findet am Unteren Graben nur für den Fotografen auf der anderen Strassenseite statt. (Bild: Reto Martin)

Ein spontaner Schwatz unter Nachbarn findet am Unteren Graben nur für den Fotografen auf der anderen Strassenseite statt. (Bild: Reto Martin)

ST. GALLEN. «Aus dieser Wohnung müssen sie mich einmal raustragen», sagt Natascha Stäheli. Seit zehn Jahren wohnt die Mittfünfzigerin mit ihrem Ehemann am Unteren Graben – und liebt es. «Wir haben einen einmaligen Sitzplatz, sitzen viel in der Sonne und verstehen uns gut mit den Nachbarn», sagt sie. Mit dem Sitzplatz meint sie nicht etwa das Trottoir auf dem Unteren Graben.

Vielmehr herrscht auf der Rückseite des Hauses ein Idyll, das man in zehn Metern Luftlinie zur vierspurigen Fahrbahn der Kantonsstrasse nicht erwarten würde. Vorne brausen täglich über 26 000 Fahrzeuge vorbei. Je nach Tageszeit stehen sie auch und stauen sich.

Genug von leeren Flaschen

Der gemütliche, grüne Hinterhof ist auch Gästen des Restaurants Baratella ein Begriff. Auf dessen Terrasse lässt sich in der wärmeren Jahreszeit gemütlich essen und trinken.

Nur ein fernes Rauschen dringt dann von der lauten Strasse ans Ohr. Franco Marchesoni, der 45jährige Wirt des Restaurants Baratella und Vizepräsident des Quartiervereins Altstadt-Nordwest, lebt seit Geburt am Unteren Graben: «Wir haben es super hier.»

Anfang der Siebzigerjahre marschierte er als Schulbub am Umzug des Kinderfests den Unteren Graben herauf, als es dort noch Bäume mit Parkplätzen dazwischen und ein breites Trottoir gab. «Meine Eltern hatten von der Wohnung aus natürlich einen Logenplatz», erzählt Marchesoni.

Mittlerweile sind sie über 80 Jahre alt und wohnen noch immer am Unteren Graben über «ihrem» Restaurant. «Um nichts in der Welt würden sie woanders hin.»

Natürlich sei es lauter geworden, sagt er nicht im geringsten genervt. Seit die südliche Altstadt für den Verkehr geschlossen ist, sei der Verkehr nochmals massiv angestiegen. Die leichte Abnahme der vergangenen Jahre, wie sie die städtischen Verkehrszählungen nachweisen, hat der Gastronom nicht wahrgenommen. «Ob 5000 Autos mehr oder weniger an uns vorbeifahren, macht für uns eigentlich keinen Unterschied.

» Auch die täglichen Staus sind kein Thema. «Die Autofahrer können ja nichts dafür, wenn es nicht vorwärts geht.»

Ähnlich kategorisch tönt es von Natascha Stäheli: «Der Verkehr stört mich nicht, schliesslich wohnen wir freiwillig hier. Das Problem sind die Jungen, die uns am Wochenende auf die Treppe kotzen.» Um ihre Gesundheit mache sie sich wegen der Abgase keine Gedanken.

Sie habe nur genug davon, die leeren Flaschen vor der Haustür zusammensammeln zu müssen, welche die Jugendlichen zuvor an der Tankstelle UG24 erstanden haben. «Was die hier anrichten, ist für mich eine viel schlimmere Art der Umweltverschmutzung.»

Bei geschlossenen Fenstern

Auch der 80jährige Josef Häfliger mag den Ort, wo er seit 15 Jahren wohnt. Unter anderem, weil seine Freundin nur ein Haus weiter wohnt. Über die Menschen vom Unteren Graben weiss er einige Geschichten zu erzählen.

Von der Frau, die vom Gerüst stürzte, als die Fassade des Wohnblocks mit den vielen Balkonen erneuert wurde. «Vermutlich Selbstmord», meint er. «Plötzlich lag sie unter meinem Fenster.» Er sei gern hier, so nah am Stadtzentrum. Beim Essen sitze er immer am Fenster und schaue dem Verkehr zu. Manchmal sei es schon kriminell, wie die Leute fahren. «Da wollen junge Frauen mit Kindern über die vierspurige Strasse und werden fast überfahren.

» Von den Abgasen gebe es zwar viel zu putzen, aber stören würden ihn vor allem die Betrunkenen, die bei seiner Freundin an die Wand pissten. Der Verkehrslärm sei bei geschlossenen Fenstern erträglich. Bis auf die «Heuler», die ihre Autos am Wochenende durchdrehen lassen. Das sei schon mühsam. «Aber vermutlich bleibe ich trotzdem hier, bis ich sterbe.»

Odilia Hiller

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