Herr Oettli und seine Tiere

Der Tierfotograf Hans Oettli ist jeden Tag im Wald bei den Weihern anzutreffen. Heute zeigt er in der Aula des Kaufmännischen Verbandes eine Kostprobe seines immensen Bilderarchivs.

Elisabeth Reisp
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Hans Oettli ist jeden Tag auf der Pirsch nach schönen Tierbildern. (Bild: Michel Canonica)

Hans Oettli ist jeden Tag auf der Pirsch nach schönen Tierbildern. (Bild: Michel Canonica)

Hans Oettli fotografiert Tiere im Wald ob den Drei Weieren. Jeden Tag. Stundenlang. Mit vielen Tieren hat er unterdessen Freundschaft geschlossen und sie mit ihm. Drei junge Eichhörnchen und eine Fuchsfamilie konnte er von klein auf an sich gewöhnen. Wenn er nun ruft, kommen sie. Die Füchse ruft er schlicht «Füchsli», die Eichhörnchen «Schnügeli», wie er leicht verschämt gesteht. Aufpassen müsse er, dass nicht eine Joggerin vorbeirennt, wenn er «Schnügeli» rufe, sagt Oettli. Dann lacht er. Über sich und seine Schwäche für die Tiere.

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Wenn es nicht gerade «Katzen hagelt», wandert Hans Oettli mit Kamera und Stativ in den Wald. Viele Jogger und Hündeler kennen ihn, winken oder rufen ein freundliches «Hallo» zu. Der 72-Jährige geht am Stock, eine Krankheit aus Kindertagen macht ihm im Alter wieder zu schaffen. Die Krankheit zwang ihn als Kind immer wieder ins Spital, zwei Jahre insgesamt. «Obwohl ich noch so klein war, vergesse ich das Gefühl nie mehr, als ich nach einem zehnmonatigen Spitalaufenthalt nach Hause gekommen war», sagt Oettli. So hat es ihn denn auch nie in die Fremde gezogen. In Bayreuth war er einmal, erzählt der pensionierte Radioelektriker. Und mit den Arbeitskollegen reiste er noch einmal nach Deutschland, als das Farbfernsehen aufkam. All das interessiert ihn nun nicht mehr. Seine Welt war schon immer der Wald. Seit seiner Frühpension vor 15 Jahren – «ich hatte Glück, ich konnte mir das mit 57 Jahren leisten» – hat er sich ganz dem Wald verschrieben. Tausende Bilder von 800 verschiedenen Tieren aus den Wäldern St. Gallens sind seither entstanden.

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In der Tasche seines alten Sakkos hat Oettli stets ein paar Kerne für die Tiere, die ihn begrüssen. Eine Tannenmeise empfängt ihn immerzu an der gleichen Stelle und begleitet ihn ein Stück durch den Wald. Für die Krähen, die ihm die Treppe zu den Weihern hinauf nach hoppeln, hatte er früher Brot dabei. Bis er eines Tages den Fehler machte, den Krähen von den teuren Pinienkernen zu geben, die er sonst zusammen mit gehackten Haselnüssen den Eichhörnchen und den Waldvögeln serviert. «Seit diesem Tag verschmähen die Krähen das billige Brot», sagt er lachend. Man – er meint sich selbst und die Krähen – habe sich aber bei geschälten Sonnenblumenkernen wieder gefunden, die sind besser als Brot und billiger als die Pinienkerne.

Das Futter für die Tiere kostet ihn ein kleines Vermögen. «Es ist enorm, was die alles zusammenfressen.» Er wolle nur das Beste für seine Freunde. Und den «Füchsli» gebe er wirklich nur ganz wenig Fleisch, aber «kleine Geschenke erhalten doch die Freundschaft», sagt er ergeben.

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Oettli trägt ein schwarzes Sakko, olivgrüne Hosen und währschafte Schuhe. «Die alten Kleider sind besser, die rascheln nicht wie moderne Sachen. Die Tiere mögen das nämlich nicht.» Hingegen sei ihnen die Farbe völlig egal. Gedeckte Farben trage er nur deshalb, damit die anderen Leute ihn nicht sofort sehen. «Die wollen wissen, was ich mache und erschrecken meine Tiere.» Daher kommt es schon mal vor, dass ein Liebespaar sich fälschlicherweise unbeobachtet fühlt. Oettli zieht sich jeweils diskret zurück. «Das gibt es halt», sagt er schmunzelnd.

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In der Früh kocht sich Oettli etwas Warmes zu essen, es ist sein Frühstück und Mittagessen. Dann spaziert er ohne Verpflegung los. Nur im Sommer kauft er sich Rivella rot. Die Flaschen steckt er jeweils in einen Plastiksack und vergräbt sie an schattigen, geschützten Orten, unter Brombeerrabatten zum Beispiel. Bei Bedarf hat er so immer eine gekühlte Erfrischung. Nur, die Füchse beobachten ihn beim Verstecken und graben sein Rivella wieder aus. Er lächelt nachsichtig, als seien es kleine Lausbuben. Für die «Füchsli» habe er halt schon eine besondere Schwäche.

Eichhörnchen, Rötelmaus oder Füchse, alle laufen sie vor die Linse. (Bilder: Hans Oettli)

Eichhörnchen, Rötelmaus oder Füchse, alle laufen sie vor die Linse. (Bilder: Hans Oettli)