Helfer, der sich nicht zu verstecken braucht

Sätze wie «das will ich gar nicht hören» oder «zum Glück hatte er nicht gehört, was gesagt wurde», erhalten eine ganze andere Bedeutung, wenn man bedenkt, dass es Personen gibt, die an Hörschwäche leiden.

Angelina Donati
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Fühlt sich in Gossau heimisch: Der ehemalige «Friedbergler» und Hörforscher Norbert Dillier. (Bild: Urs Bucher)

Fühlt sich in Gossau heimisch: Der ehemalige «Friedbergler» und Hörforscher Norbert Dillier. (Bild: Urs Bucher)

Sätze wie «das will ich gar nicht hören» oder «zum Glück hatte er nicht gehört, was gesagt wurde», erhalten eine ganze andere Bedeutung, wenn man bedenkt, dass es Personen gibt, die an Hörschwäche leiden. Besonders deutlich wurde dies auch am Donnerstag in der Aula des Gymnasiums Friedberg in Gossau. Dort referierte Norbert Dillier im Rahmen der «Akademie am Friedberg» über «Künstliches Hören für Gehörlose». Im Publikum sassen auch Betroffene und Angehörige von Hörgeschädigten. Einige haben sich rührend zu Wort gemeldet und den Anwesenden erläutert, was es heisst, wenig oder gar nichts zu hören. Eine betroffene Frau sagte, wie glücklich sie sich dank ihres Hörimplantats schätzt: «Hören, und sich verständigen können, ist so wichtig.»

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Dem pflichtete auch Norbert Dillier bei. «Unser wichtigstes Kommunikationsmittel ist die Sprache. Das Hören ist die Voraussetzung dafür.» Dillier leitet als Ingenieur und Hörforscher das Forschungslabor für experimentelle Audiologie am Universitätsspital Zürich. Gossau weckt in ihm Erinnerungen an die Kindheit. Denn hier wuchs er auf und absolvierte das Gymi am Friedberg. Alles, was mit Akustik zu tun hat, hat den Elektroingenieur schon immer fasziniert. «Während meiner Studienzeit habe ich in einer Band Gitarre, Schlagzeug und Klavier gespielt und auch gesungen.» Als er sich einst einen Vortrag über Hörschäden anhörte, hat ihn das Thema endgültig gepackt. Fortan vertiefte er sich darin und entwickelte Hörgeräte. Bereits in jungen Jahren war sein Erfindergeist gross. Er tüftelte an selbstgefertigten Radios, Fernsehern und Messgeräten.

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Für Norbert Dillier ist es grossartig, mitzuerleben, wie Patienten dank dem Cochlea-Implantat (CI) wieder hören können. «Wenn man etwas bewirken kann, motiviert es zusätzlich», sagt der ehemalige Gossauer. Die Rückmeldungen seien nicht zu unterschätzen und würden einen wichtigen Teil der Forschungsarbeit ausmachen. Aktuell wird im Labor von Dillier und seinem Team getüftelt, wie Umgebungsgeräusche herausgefiltert werden können.

Betroffene hätten aber auch Bedenken und Ängste. So haben Gehörlose lange Zeit befürchtet, dass Hörimplantate die Gebärdensprache ablösen würden. Die Sprachverständlichkeit mit einem Hörgerät liege heute etwa bei 80 bis 90 Prozent. Jeder Fall müsse aber individuell und sorgsam betrachtet werden. 45 Prozent der an Hörverlust Leidenden sind Kinder, 55 Prozent Erwachsene. Wobei die Anzahl betroffener Senioren steige, sagt Dillier. «Zum einen nimmt die Alterung in der Bevölkerung zu und zum anderen gab man früher schneller der Gemütslage Schuld, statt der Ursache auf den Grund zu gehen und abzuklären, ob die Person tatsächlich nicht gut hört.»

Der Gang zum Hörgeräte-Spezialisten braucht ohnehin viel Überwindung, wie Robert Lanzinger, Leiter von Kühnis Hörwelt Gossau, weiss. Im Anschluss an das Referat sagte er, dass Betroffenen viel daran liege, dass die Geräte an den Ohren möglichst nicht sichtbar seien. Zu schämen oder weniger akzeptiert zu fühlen, brauche sich niemand. Im Gegenteil: Ist der kleine Helfer sichtbar, könne noch besser auf die Person eingegangen werden.