Helfen und verändern

Mitarbeiter und Bewohner des HPV Rorschach haben ihr fünfköpfiges Selbstvertetungsteam gewählt. An der Wahlfeier mischten sich grenzenlose Freude mit Tränen der Enttäuschung.

Christoph Renn
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An der Wahlfeier des HPV Rorschach wurden alle Kandidaten gefeiert, nicht nur die Gewinner. (Bild: Christoph Renn)

An der Wahlfeier des HPV Rorschach wurden alle Kandidaten gefeiert, nicht nur die Gewinner. (Bild: Christoph Renn)

RORSCHACH. Von 319 Wahlberechtigten haben 205 ihre Stimme in die Urne gelegt. Das ergibt eine Beteiligung von 64 Prozent. Eine Marke, welche bei nationalen Wahlen schon lange nicht mehr erreicht wurde. Und noch etwas unterscheidet die Feier am Donnerstagabend im Produktionszentrum der HPV Rorschach von anderen Wahlen. Alle Gewinner wurden vom zahlreichen Publikum frenetisch gefeiert – auch von den Konkurrenten. Gewählt wurde ein fünfköpfiges Selbstvertretungsteam mit Mitarbeitenden und Bewohnenden aus den drei Bereichen Produktion, Wohnen und Atelier. Einen halben Tag in der Woche werden die Vertreter ab Januar ihre Ideen und Anliegen im Büro der Fachstelle Selbstvertretung darlegen und besprechen. Und die Interessen ihrer Kolleginnen und Kollegen im HPV vertreten. «Ziel ist, die Selbst- und Mitbestimmung aller Menschen mit Beeinträchtigung im HPV zu stärken», sagt Manuela Breu von der Fachstelle Selbstvertretung.

Schweiz hinkt hinterher

Seit Januar dieses Jahres gibt es im HPV die Fachstelle Selbstvertretung. «Im Frühling hat die Schweiz die UNO-Konvention über die Rechte von Menschen mit Beeinträchtigung ratifiziert», sagt Manuela Breu. Diese trat im Mai 2014 in Kraft. Darin heisst es, dass Menschen mit Beeinträchtigung die gleichen Rechte zustehen wie Menschen ohne. «Dieses Ziel möchten wir mit dem Projekt Selbstvertretung verfolgen und fördern.» Denn von Chancengleichheit sei die Schweiz noch weit entfernt. Sei es beispielsweise in der Berufswahl oder der gesellschaftlichen Teilhabe. Im Vergleich mit Deutschland und Österreich liege die Schweiz in dieser Hinsicht um Jahre zurück. Im eigenen Land ist der HPV Rorschach mit dem Projekt Selbstvertretung eine Art Vorreiter. «Ich kenne keine anderen. Wir haben Projekte in Vorarlberg beobachtet und mitverfolgt und uns mit den Verantwortlichen ausgetauscht», sagt Breu.

Tränen kullern

Die gewählten Selbstvertreter gaben unter Applaus ihr erstes Interview. Und alle haben etwas gemein: Sie freuen sich auf die Herausforderung und vor allem darauf, anderen zu helfen, sie zu unterstützen und etwas verändern zu können. Bei einigen Nichtgewählten kullerten Tränen. «Enttäuschung gehört auch zu Abstimmungen», sagt Manuela Breu. Und was sonst noch alles zu Wahlen gehört, das wurde den Wahlberechtigten im Prozess erklärt. Für einige seien dies die ersten Wahlen gewesen. «Wir haben mit ihnen besprochen, was es mit sich bringt, wenn man sich zur Wahl stellt. Aber auch, was es bedeutet, wenn man nicht wählt, und dass man sich informieren muss», sagt Breu.

Am 29. Oktober öffneten dann die Wahlurnen. «Einige wussten bereits am ersten Tag, für wen sie sich entscheiden. Andere beobachteten zuerst die Situation, und es wurde viel untereinander besprochen und diskutiert», sagt Breu. Es sei für einige schwierig gewesen, eine Wahl zu treffen. «Die Bewohnenden und Mitarbeitenden im HPV Rorschach sind sich jedoch gewohnt, mitzubestimmen und im Alltag Entscheidungen zu treffen.»

Manuela Breu Mitarbeiterin der Fachstelle Selbstvertretung des HPV (Bild ren)

Manuela Breu Mitarbeiterin der Fachstelle Selbstvertretung des HPV (Bild ren)