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HEISSES EISEN: St.Gallen will Zürcher Strasse in der Lachen umgestalten: Widerstand ist programmiert

Die Stadt St.Gallen will die Zürcher Strasse in der Lachen sanieren. Auslöser dafür sind marode Werkleitungen. Geplant ist aber auch eine Neugestaltung des Strassenraums. Die gleiche Übungsanlage hatte 2006 eine heftige Abstimmungsschlacht zur Folge. Am Dienstagabend informiert die Stadt das Quartier über ihre Pläne.
Reto Voneschen
Das Zentrum des Lachen-Quartiers in St.Gallen am Montagnachmittag. Die Zürcher Strasse hat optisch und vom Verkehrsaufkommen in Stosszeiten her eine stark trennende Wirkung. Der Quartierverein wünscht sich daher seit Jahren eine durchlässigere Gestaltung. Ein erster Anlauf dafür stürzte 2006 an der Abstimmungsurne ab. (Bild: Sabrina Stübi)

Das Zentrum des Lachen-Quartiers in St.Gallen am Montagnachmittag. Die Zürcher Strasse hat optisch und vom Verkehrsaufkommen in Stosszeiten her eine stark trennende Wirkung. Der Quartierverein wünscht sich daher seit Jahren eine durchlässigere Gestaltung. Ein erster Anlauf dafür stürzte 2006 an der Abstimmungsurne ab. (Bild: Sabrina Stübi)

Am Dienstagabend informiert die Stadt das Lachen-Quartier über die geplante neue Gestaltung für die Zürcher Strasse zwischen dem Stahl und der Rechenstrasse. Damit fällt der Startschuss für die öffentliche Diskussion eines Projektes, das viel Potenzial für eine heftige politische Auseinandersetzung hat. Eine solche wurde bereits einmal geführt: 2005/06 plante die Stadt für die Zürcher Strasse in der Lachen eine umfassende Sanierung mit gleichzeitiger Neugestaltung des Strassenraums.

Nachdem das Parlament die Vorlage überraschend klar mit nur einer SVP-Gegenstimmen und einzelnen Enthaltungen bei SVP und FDP durchgewunken hatte, kam es damals rechts der Mitte zu einer Kehrtwende: Vor dem Urnengang im Frühling 2006 gaben Mitgliederversammlungen von SVP und FDP Nein-Parolen heraus. Stimmung gegen das Vorhaben machte zudem eine bürgerliche «IG Flaschenhals Zürcher Strasse». Ansprechperson dieser Gruppe war FDP-Kantonsrat Walter Locher. An der Abstimmungsurne setzten sich dann die Gegner am 21. Mai 2006 relativ knapp durch: 7864 Stimmberechtigte sagten Nein, 7349 Ja zur Umgestaltung der Zürcher Strasse.

Viele Ansatzpunkte für Kritik

Auch der zweite Anlauf für die Umgestaltung der Zürcher Strasse hat jetzt wieder Potenzial für einen harten politischen Schlagabtausch. Streiten kann man nämlich zum einen über verkehrspolitische Grundsätze. Anderseits steckt bei so einem umfangreichen Vorhaben der Teufel immer auch im Detail – gerade, wenn es um Parkplätze, Lichtsignale, Busspuren, Fahrbahnverengungen oder die Wohnqualität angesichts der wachsenden täglichen Blechlawine geht.

Das Quartierzentrum der Lachen stadteinwärts gesehen. Links die Bushaltestelle Lachen mit dem Migros, rechts hinten vor dem Baum die Poststelle Lachen. Das Bild wird dominiert vom Bau des Bundesverwaltungsgerichts auf dem Chrüzacker links im Hintergrund. (Bild: Hanspeter Schiess - 29. April 2014)

Das Quartierzentrum der Lachen stadteinwärts gesehen. Links die Bushaltestelle Lachen mit dem Migros, rechts hinten vor dem Baum die Poststelle Lachen. Das Bild wird dominiert vom Bau des Bundesverwaltungsgerichts auf dem Chrüzacker links im Hintergrund. (Bild: Hanspeter Schiess - 29. April 2014)

Eine ganz wichtige Rolle beim Scheitern des ersten Anlaufs zur Neugestaltung der Zürcher Strasse hat ein Zielkonflikt gespielt, wie man ihn in dieser Schärfe nirgends sonst entlang der Zürcher Strasse findet: Auf der einen Seite wollen jene, die hier täglich motorisiert unterwegs sind, möglichst zügig vorankommen. Auf der anderen Seite hat die Hauptachse mit heute rund 19'000 Fahrzeugen pro Tag negative Auswirkungen aufs Quartier, das sich daher seit Jahrzehnten «eine freundlichere Gestaltung» der Strasse wünscht. Lärm und Gestank der Blechlawine waren für die Lachen bereits im Band «St. Galler Quartiere» von 1980 ein zentrales Thema. Zudem trennt die Zürcher Strasse die links und rechts von ihr liegenden Wohngebiete, was im Alltag insbesondere im Quartierzentrum zwischen Post und Migros stark spürbar ist.

Interessengruppen in Planung für zweiten Anlauf einbezogen

Die Verantwortlichen bei der Stadt sind sich gemäss Stadträtin Maria Pappa der Brisanz des zweiten Anlaufs für die Neugestaltung der Zürcher Strasse bewusst. Die Ideen für das Projekt wurden in der Vorbereitungsphase mit Vertretungen von Betroffenen diskutiert. So wurden unter anderem der Quartierverein, das Gewerbe und die Kritiker des ersten Anlaufs angehört. Einwände und Vorschläge aus diesen Konsultationen flossen nach Möglichkeit ins neue Gestaltungsprojekt ein.

Als es vom Verkehr her noch beschaulich zu und her ging: Das Zentrum des Lachen-Quartiers auf einer Ansichtskarte um 1905. Rechts wäre heute die Überbauung mit Poststelle und Lachen-Drogerie, im Hintergrund anstelle der Bäume würde das Bundesverwaltungsgericht stehen. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)

Als es vom Verkehr her noch beschaulich zu und her ging: Das Zentrum des Lachen-Quartiers auf einer Ansichtskarte um 1905. Rechts wäre heute die Überbauung mit Poststelle und Lachen-Drogerie, im Hintergrund anstelle der Bäume würde das Bundesverwaltungsgericht stehen. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)

Mindestens beim Quartierverein hatte dieses Partizipationsverfahren eine positive Wirkung. An der Mitgliederversammlung 2017 stand der Vorstand dem Vorhaben vor allem wegen der geplanten Aufhebung von «weissen», vom Gewerbe als wichtig eingestuften Parkplätzen sehr skeptisch gegenüber. An der Mitgliederversammlung 2018 gab’s diesbezüglich Entwarnung: Man habe gute Gespräche mit den Verantwortlichen der Stadt führen können, sei zuversichtlich, dass die Bedenken des Quartier aufgenommen worden seien und es entsprechende Korrekturen am Vorhaben geben werde, erklärte Quartiervereinspräsident Pius Jud Ende März.

«IG Flaschenhals» bleibt skeptisch

Weniger Erfolg hatte die Stadt bei ihren Gesprächen bei der Opposition. Die seinerzeitigen Mitglieder der «IG Flaschenhals Zürcher Strasse» stünden den neuen Plänen grossmehrheitlich «sehr skeptisch» gegenüber. Das Projekt werde von ihnen «schlicht als nicht notwendig» erachtet, erläutert FDP-Kantonsrat Walter Locher auf Anfrage. «Auf Stadtgebiet bestehen zahlreiche Strassenengpässe. Sie wirken sich täglich auf die ganze Agglomeration aus. Die Stadtautobahn ist überlastet. Der Verkehr bricht bei Unfällen und bei anderen Ereignissen immer wieder zusammen», begründet Locher: «Die Mitglieder der IG lehnen bauliche Massnahmen an der Zürcher Strasse ab, die diese Situation verschärfen.»

Der Kanton habe für Kantonsstrassen klare Standards festgelegt. Diese seien darauf ausgerichtet, vorhandene Kapazitäten durch bauliche und andere Massnahmen nicht zu reduzieren. Die an der Zürcher Strasse geplanten Fahrbahnverengungen mit Bäumen und der Einschränkung der für den Verkehr zur Verfügung stehenden Flächen widerspreche dieser Zielsetzung, findet FDP-Kantonsrat Walter Locher. Der vorhandene Strassenraum müsse belassen werden, sowohl für herkömmliche und Elektrofahrzeuge wie für den öffentlichen Verkehr, der hier weiterhin mit Bussen auf der Strasse abgewickelt werde.

Dazu kommt für die Opponenten gegen das erste Umgestaltungsprojekt für die Zürcher Strasse, dass das Bundesamt für Strassen für das Zeitfenster 2019 bis 2025 umfangreiche Sanierungsarbeiten an der Stadtautobahn plant. Danach steht ein Ausbauschritt mit dritter Tunnelröhre und allenfalls mit Teilspange in die Liebegg an. Das werde zu zusätzlichen Verkehrsbehinderungen und Staus führen, glaubt Walter Locher. In dieser Phase gleichzeitig an der Zürcher Strasse zu bauen, sei unverantwortlich «und werde die sich abzeichnende zunehmende Verkehrsüberlastung und die Staustunden in St.Gallen verstärken».

Informationsveranstaltung Strassenraumgestaltung Zürcher Strasse in der Lachen: Dienstag, 24. April, 18 Uhr, Aula Schulhaus Schönenwegen, Zürcher Strasse 67.

Lachen: Ein Quartier im langsamen Umbruch

Stadtveränderung  Das Lachen-Quartier galt schon immer als eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Stadt St.Gallen. Und in Teilen des Quartiers hat die Dichte der Überbauung in den vergangenen zehn bis 15 Jahren sogar noch markant zugenommen. Die Lachen sind eines jener Quartiere der Stadt, in denen das Konzept der inneren baulichen Verdichtung, also der besseren Ausnützung des Raums im Siedlungsgebiet, damit der grüne Ring um die Stadt geschont werden kann, besonders gut spürbar ist. Was vermutlich mit ein Grund dafür war, dass sich das Quartier 2016/17 äusserst vehement und letztlich auch mit Erfolg gegen die teilweise Überbauung der Sömmerliwiese für die ausserschulische Tagesbetreuung gewehrt hat.

Quartierzentrum könnte sich verschieben

Dass in der Lachen immer noch fleissig gebaut wird und dass weitere Projekte in der Pipeline sind, ist für jeden offensichtlich, der durchs Quartier spaziert. Das derzeit grösste Bauvorhaben wird am Ende der Ulmenstrasse hochgezogen: Hier entstehen auf dem Areal einer ehemaligen Schreinerei und Zimmerei zwei Geschäfts- und Wohnhäuser. Ihr Bezug im Frühling und Sommer 2019 wird auf das bisherige Zentrum des Quartiers massiven Einfluss haben.

Die Migros wird vom heutigen Standort an der Zürcher Strasse ins Untergeschoss des Neubaus zügeln. Dort werden deutlich mehr Verkaufsfläche, eine zeitgemässe Infrastruktur fürs Personal und Parkplätze in einer Tiefgarage zur Verfügung stehen. Damit wird sich der Charakter des Ladens verändern, anderseits wird die Standortverschiebung Einfluss auf die Publikumsströme in der Lachen haben. Auf Letzteres wird sich auch der Umzug der Lachen-Drogerie an die Ulmenstrasse im März 2019 auswirken. Folgt auch noch die Post (in Form einer Postagentur) wird das die Entwicklung weiter akzentuieren. Ob das zur Ausdehnung des Quartierzentrums oder zu seiner Verschiebung an die Ulmenstrasse führen wird, dürfte davon abhängen, welche Nutzungen auf Migros, Drogerie und Post an der Zürcher Strasse folgen.

Lachen bleibt ein stark durchmischtes Quartier

Die massive Bautätigkeit des vergangenen Jahrzehnts hat bisher in der Bevölkerungsstruktur der Lachen keine auf den ersten Blick offensichtlichen Spuren hinterlassen. Dies mag damit zusammenhängen, dass der bauliche Wandel (und damit das Verschwinden alter Häuser mit kostengünstigen Wohnungen) bisher langsam vor sich geht. Der Ausländeranteil im Quartier ist jedenfalls weiterhin hoch. Und die Gruppe der durch neue Wohnungen angelockten Zuzüger fällt im sowieso stark durchmischten Quartier nicht als Fremdkörper auf. Im Gegenteil: Viele versuchen, sich aktiv etwa via Quartierverein ins «Dorfleben» zu integrieren. Derzeit sind aber noch mehrere grosse Neubauprojekte in der Lachen in der Pipeline. Ob sich das Bild durch sie ändern wird, ist offen und zeigt sich erst in ein paar Jahren. (vre)

Stau auf der Zürcher Strasse: Vor allem bei Verkehrsstörungen auf der Stadtautobahn geht's auf der Hauptstrasse durchs Lachen-Quartier nur noch im Schritttempo vorwärts. (Bild: Reto Voneschen - 20. Dezember 2017)

Stau auf der Zürcher Strasse: Vor allem bei Verkehrsstörungen auf der Stadtautobahn geht's auf der Hauptstrasse durchs Lachen-Quartier nur noch im Schritttempo vorwärts. (Bild: Reto Voneschen - 20. Dezember 2017)

Ein Flugblatt der Befürworterinnen und Befürworter: Erinnerung an den Abstimmungskampf über die Neugestaltung der Zürcher Strasse im Jahr 2006. (Bild: Reto Voneschen - 1. September 2012)

Ein Flugblatt der Befürworterinnen und Befürworter: Erinnerung an den Abstimmungskampf über die Neugestaltung der Zürcher Strasse im Jahr 2006. (Bild: Reto Voneschen - 1. September 2012)

Canale Grande auf der Verzweigung Zürcher- und Ulmenstrasse in der Lachen im Herbst 2012: Der schlechte Zustand der Werkleitungen ist der eigentliche Auslöser des Sanierungs- und Neugestaltungsprojekts für die Zürcher Strasse im Lachen-Quartier. (Bild: Stadtpolizei St.Gallen - 17. September 2012)

Canale Grande auf der Verzweigung Zürcher- und Ulmenstrasse in der Lachen im Herbst 2012: Der schlechte Zustand der Werkleitungen ist der eigentliche Auslöser des Sanierungs- und Neugestaltungsprojekts für die Zürcher Strasse im Lachen-Quartier. (Bild: Stadtpolizei St.Gallen - 17. September 2012)

Ein anderer Wasserrohrbruch im Winter 2013, diesmal vor dem Portugiesen-Club Girasol an der Zürcher Strasse 12. Das Wasser fliesst mit grossem Druck aus dem Trottoir und die Zürcher Strasse hinab. (Bild: Stadtpolizei St.Gallen - 29. November 2013)

Ein anderer Wasserrohrbruch im Winter 2013, diesmal vor dem Portugiesen-Club Girasol an der Zürcher Strasse 12. Das Wasser fliesst mit grossem Druck aus dem Trottoir und die Zürcher Strasse hinab. (Bild: Stadtpolizei St.Gallen - 29. November 2013)

Die Wasserrohrbrüche verursachten nicht nur Sachschäden, ihre Behebung war teilweise recht aufwendig. Im Dezember 2013 zeugt ein Loch vor dem Coiffeur-Salon an der Zürcher Strasse 16 von einem nächtlichen Rohrbruch, der nicht nur die Zürcher-, sondern auch die Metallstrasse hinter dem Haus in einen Gebirgsbach verwandelte und mit Geschiebe dekorierte. (Bild: Reto Voneschen - 11. Dezember 2013)

Die Wasserrohrbrüche verursachten nicht nur Sachschäden, ihre Behebung war teilweise recht aufwendig. Im Dezember 2013 zeugt ein Loch vor dem Coiffeur-Salon an der Zürcher Strasse 16 von einem nächtlichen Rohrbruch, der nicht nur die Zürcher-, sondern auch die Metallstrasse hinter dem Haus in einen Gebirgsbach verwandelte und mit Geschiebe dekorierte. (Bild: Reto Voneschen - 11. Dezember 2013)

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